Bilderbuchklassiker für bibliophile Großeltern und ihre Enkel

Beim Ausräumen des Elternhauses entdecken Kinder und Enkel mitunter manche Kuriosität und stellen überrascht fest, dass es dieses oder jene Stück ins 21. Jahrhundert geschafft hat. Nippes gehört dazu, abgelegte Kleidungsstücke und nicht selten Kinderbücher, an deren Existenz längst niemand mehr dachte. Und manchmal ist es genau umgekehrt. Da wird im Elternhaus vergeblich nach einem Kinderbuch gesucht, weil es die vorhandenen oder zu erwartenden Enkel unbedingt kennenlernen sollen. Denn Geschichten, die schon Oma oder Opa liebten, vielleicht sogar Mama oder Papa, üben auf Kinder einen besonderen Reiz aus und machen das Buch per se interessant.
So ähnlich müssen die Programmmacher*innen des Schweizer Diogenes Verlags gedacht haben, die vor einigen Wochen drei Kinderbuchklassiker – einer von 1959 und zwei aus den 1970-er Jahren – wieder erscheinen ließen. Weiterlesen →

Linie 912


Von Thilo Reffert, illustriert von Maja Bohn.
Ab 8, zum Vorlesen früher, 108 Seiten
2019, Klett Kinderbuch, Leipzig
978-3-95470-201-5
€ 13,00

Wer in Bus oder Bahn den anderen Fahrgästen mit einem Lächeln entgegen blickt, geht unwillkürlich eine Beziehung zu ihnen ein. Mitunter entsteht ein kurzes Gespräch daraus, meistens bleibt nur der Moment des Gesehenwerdens. Und mit ihm die Frage, was sich hinter der Stirn des Gegenübers verbärge? So in etwa kann sich die Ausgangssituation der perspektivischen Episoden-Erzählung  Linie 912 – einer allerhand auslösenden halben Stunde in einem Linienbus  – von Thilo Reffert vorgestellt werden. Weiterlesen →

Davor und Danach. Überleben ist nicht genug


Von Nicky Singer,
aus dem Englischen übersetzt von Birgit Salzmann.
Ab 14, 382 Seiten
2019, Dressler, Hamburg
978-3-7915-0100-0
€ 19,00

Sollte ich meines Bruders Hüter sein? Eine Frage, die sich seit Menschengedenken bis heute durch die Geschichte der Menschheit zieht. Eine Frage, die sich aufgrund globaler imperialistischer Strukturen und der Klimaerwärmung heute immer drängender stellt. Eine Frage, die sich auch in den freitäglichen Demonstrationen für die Zukunft des Planeten bündelt. Denn, mit welchen Konsequenzen müssen die Schüler*innen in 30 Jahren leben, für die nicht sie, sondern die heutigen Entscheidungsträger*innen  Verantwortung tragen? Die dann allerdings nicht mehr mit den Folgen ihrer derzeit getroffenen Entscheidungen konfrontiert werden können, weil viele von ihnen bereits verstorben sind? Was wird getan, vielmehr was wird nicht getan?

Der dystopische Roman von Nicky Singer Davor und Danach. Überleben ist nicht genug wirft einen Blick in diese Zukunft. Genau genommen entwirft er das Bild einer Gesellschaft des globalen Nordens im Jahr 2049. Europa ist zerfallen, die Grenzen sind dicht, der Äquator wurde nach Norden verschoben, weil in den südlichen Hemisphären kein (Über-)Leben mehr möglich ist. Die Weichen wurden im Davor – dem Heute – gestellt und deren Folgen im Buch so nachvollziehbar durchexerziert, dass sie sich kein ethisch und ökologisch handelnder Mensch im Jahr 2019 wahrhaftig erhoffen mag. Weiterlesen →

Auch solche Tage gibt es


Von Kim Young-ah, illustriert von Shin Ji-soo,
aus dem Koreanischen übersetzt von Andreas Schirmer.
Ab 4, 36 Seiten
2018, aracari, Zürich
978-3-907114-02-5
€ 14,00

„Ich blick mich um und um –
aber niemand ist da.
Ich rufe und schreie –
aber keiner antwortet.
Auf dieser Welt bin ich allein.
Scheinbar gibt es da nur mich.“

Mit diesen eindringlichen Worten beginnt das bildstarke und lyrische Bilderbuch Auch solche Tage gibt es. Graue Regentage stellen die Stimmung des kleinen Bären im Außen dar, der nahezu winzig und allein im großen und dunklen Wald unterwegs ist. Bild und Text des koreanischen Autorinnen- und Illustratorinnen-Duos greifen damit ein Thema auf, vor dem erwachsene Bezugspersonen gerne die Augen verschließen: dem starken und ohnmächtigen Gefühl kindlicher Verlassenheitsängste. Weiterlesen →

Papas Arme sind ein Boot


Von Stein Erik Lunde, illustriert von Øyvind Torseter,
aus dem Norwegischen übersetzt von Maike Dörries.
Ab 4, 32 Seiten
2010, Gerstenberg, Hildesheim
978-3-8369-5313-9
€ 12,95

„Wird schon werden“, tröstet der Vater sein Kind.
„Wird schon werden“, tröstet der Vater sich.
Die Gefährtin und Mutter ist tot, zurück bleibt ein unendlich trauriger Partner mit seinem Kind.
Hilflos und alleine, verlassen und in der Trauer erstarrt.
Trost bietet die Rodung der Bäume im Garten, die Ablenkung von der Leere.
Das Kind mahnt, der rote Fuchs schafft die Verbindung mit dem Außen.
Außen wird innen, das rote Fell spiegelt sich im Feuerschein wider, der das Zimmer wärmt und erhellt.
Auch die Herzen von Vater und Kind.
„Sicher?“
„Ganz sicher.“
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Krokonil und Tupfentiger


Eine Geschichte für Buchstabenverwirbler und Wörtererfinder
Von Gabriela Hoffmann, illustriert von Michaela Noll.
Ab 5, 26 Seiten
2015,Tyrolia, Innsbruck – Wien
978-3-7022-3438-6
€ 14,95

Das kleine /k/ und das große /K/ leben gemeinsam in einem Buch auf Seite sieben. Ein paar Seiten weiter hinten leben das kleine /t/ und das große /T/. Und das, obwohl statistisch gesehen das /t/ zu den zehn häufigsten im Deutschen verwendeten Buchstaben gehört, wogegen das /k/ – ausgehend von 26 Buchstaben – im hinteren Mittelfeld liegt.  Was mag das also für ein Buch sein, in dem sie leben? Ein ABC-Buch? Ein Erstlesebuch? Oder just das Bilderbuch Krokonil und Tupfentiger, auf dessen Seite sieben die beiden Buchstaben-Gesellen vorgestellt werden und das zum kreativen um-die-Ecke-denken einlädt? Weiterlesen →

Frohe Weihnachten, Zwiebelchen!


Von Frida Nilsson, illustriert von Anke Kuhl,
aus dem Schwedischen übersetzt von Friederike Buchinger.
Ab 8, 128 Seiten
2015, Gerstenberg, Hildesheim
978-3-8369-5860-8
€ 12,95

Ein besonderes Weihnachtsgeschenk erhielten Frida Nilsson und ihre Übersetzerin Friederike Buchinger in diesem Jahr. Sie wurden von der Internationalen Jugendbibliothek in München mit dem James Krüss Preis für internationale Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet, der seit 2013 alle zwei Jahre an eine/n lebende/n Autor*in verliehen wird, dessen / deren Werk „durch sprachliche Brillanz, Originalität, fantasievolles Erzählen, Formenvielfalt und Humanität überzeugt.“
Ein Grund mehr also, Ihnen Frohe Weihnachten, Zwiebelchen! der Autorin zu empfehlen, das diesen Anforderungen ganz und gar entspricht. Weiterlesen →

Stille Nacht, fröhliche Nacht


Von Julie Völk
Ab 4, 32 Seiten
2017, Gerstenberg, Hildesheim
978-3-8369-5602-4
€ 16,95

Die hellen Tage von Zsuzsa Bánk haben es mir angetan. Ihre Worte ließen Bilder vor meinem inneren Auge entstehen, die bis heute – Jahre nach der Lektüre – nachwirken. Und wenn ich das Weihnachtsbuch von Julie Völk Stille Nacht, fröhliche Nacht betrachte, habe ich den Eindruck, ihr ging es ähnlich – sofern sie den Roman überhaupt kennt.
Ohne Worte zeichnet Julie Völk den Weg einer ganz besonderen Weihnachtskarawane nach. Nicht nur Hirsch und Hase beobachten deren Weg, sondern auch die Augen der Betrachtenden. Wer sitzt in den Autos mit den Wohnwägen? Wohin sind sie unterwegs durch die verschneite, dunkle Nacht, die einzig von ein paar Laternen und dem Lichtschein der Wohnungen erhellt wird?
Ihr Ziel erreichen sie außerhalb der Stadt, wo einsam und allein ein kleines Häuschen steht. Für mich das windschiefe Häuschen aus den hellen Tagen, zumal die Ankömmlinge Mitglieder eines Zirkus‘ sind. Ein Mädchen rennt hinaus – Aja? – die Nacht erhellt sich, es wird eine fröhliche Nacht, wie immer, wenn Zigi zu Besuch kommt. Es wird gelacht, getanzt, gefeiert, das Leben, die Liebe, das Miteinander, gezeichnet in filigranen Bildern, die bei jedem Betrachten Neues entdecken lassen.

Susi, die Enkelin von Haus Nummer 4 und die Zeit der versteckten Judensterne


Von Birgitta Behr (Illustration und Text), Sandra Wendeborn (Buchgestaltung)
unter Mitarbeit von Lothar Lewien (historische Recherche)
und Dr. Patrick Henßler (Fachberatung).
Ab 10, 112 Seiten
2016, arsEdition, München
978-3- 8458-1525-1
€ 12,99

Erschrocken blickt das Mädchen über seine Schulter ins Gesicht des Betrachtenden. Ihre großen braunen Augen blicken ängstlich und fragend zugleich, ihre Hand scheint nach einem rot-weißen Faden greifen zu wollen. Ergreift sie ihn? Den Faden, der sie, einem Strohhalm gleich, ihren Lebensmut behalten lässt? Und die Betrachtenden peu à peu damit konfrontiert, was Susi, die Enkelin von Haus Nummer 4 verlieren – und finden – wird, um ihr Leben zu behalten. Weiterlesen →