Der Überzählige


Von Christine Nöstlinger,
illustriert von Sophie Schmid.
Ab 5, 42 Seiten
2019, Nilpferd, Wien
978-3-7074-5232-7
€ 19,95 

Mit acht, knapp neun Jahren wurde Christine Nöstlinger im Sommer 1945 gemeinsam mit anderen Wiener Kindern zu Bauern aufs Land geschickt, um sich endlich wieder satt essen zu können. „Sich satt essen zu können war damals sehr wichtig für Mütter. Da fragten sie nicht lange nach, ob ihre Kinder kinderlandverschickt werden wollten.“ (S. 9) Christine wollte nicht. Dennoch stieg sie eines Morgens mit einer an Spagatschnur (Küchenzwirn) befestigten rosa Identifizierungskarte in einen Zug …

„Ich war acht Jahre alt und noch nie weg von Wien gewesen. Felder, Kühe und kleine Dörfer kannte ich nur von Bildern.“ (S. 16) Der Fahrtwind blies ihr nicht nur die Haare aus dem Gesicht, sondern auch die rosa Karte von der Spagatschnur. Fortan kämpfte Christine mit sich und ihrer Angst, wie sie den begleitenden Frauen das Malheur berichten könnte. Die Angst siegte, weshalb an der Endstation 21 statt 20 Kinder in der Hoffnung ausstiegen, von freundlichen Bauersfamilien aufgenommen zu werden. Die konnten sich ihre Schützlinge selbst aussuchen, weshalb statt Christine ein Junge übrigblieb. Der Überzählige.

„Ich sagte nichts, aber ich wusste es besser: Weil er an meiner Stelle zum „Überzähligen“ geworden war! Und dafür war ich ihm dankbar und tat nicht mit, wenn ihn die anderen ausspotteten und mit Brennnesselruten hinter ihm herliefen. Aber geholfen habe ich ihm nie. So viel Mut kann man von einer Achtjährigen, die ihre Angst nicht loswird, als „Überzählige“ entlarvt zu werden, auch nicht verlangen.“ (S. 38)

Später überwand sich Christine Nöstlinger. Mit ihren Figuren ermutigte sie die Leser*innen, sich gleichfalls ein Herz zu fassen und etwas zu wagen. Worin sie selbst ein Vorbild blieb, sonst hätten wir nichts von jenem „Überzähligen“ erfahren. Denn der Text des Buches ist nichts anderes als eine literarisierte Bitte um Verzeihung, vermutlich bereits vor Jahren geschrieben, veröffentlicht ein Jahr nach dem Tod von Christine Nöstlinger. Lakonisch, gleichwohl in berührenden Worten und gekonnt eingestreuten mundartlichen Äußerungen, schrieb sie sich ihre kindliche Angst von der Seele. Das ist Poesie- und Bibliotherapie pur, da es sie entlastete und Lesende jeden Alters mitten ins Herz trifft. Unterstrichen wird diese Wirkung durch die besonderen Illustrationen von Sophie Schmid, einer enorm vielfältigen Künstlerin, was sie in Der Überzählige erneut zur Schau stellt.
Sepiafarbtöne dominieren die Bilder, deren Hintergründe an alten Putz, Karton oder Packpapier erinnern. Im Vordergrund filigrane Figuren, Menschen, Tiere, Pflanzen, dazwischen das Bild einer rosa Karte, deren Farbton Klee und Mohn widerspiegeln. Natur als Hoffnung auf Erholung, der Weg dahin die rosa Karte, die der Wind übers weite Feld trägt. Besondere Erwähnung verdient auch das Motiv des Nachsatzpapieres, das gleichsam eine Interpretation des Geschriebenen ist: Der Überzählige mit einer rosa Karte, der der erwachsenen Christine über die Schulter schaut, während sie seine und ihre gemeinsame Geschichte schreibt. Grandios!

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