Ausgezeichnet: Gütesiegel Buchkindergarten

[16.09.2020] Der städtische Kindergarten Hofen in Bönnigheim erhält das Gütesiegel Buchkindergarten. Herzlichen Glückwunsch! Ich freue mich mit dem Team um Silke Plieninger, das sich auch von mir weiterbilden ließ.

Das Siegel würdigt ihre kontinuierliche Leistung in den Bereichen Early Literacy-Bildung und frühe Leseförderung. Dazu gehört die hervorragend ausgestattete Kindergarten-Bibliothek mit vielen aktuellen Büchern, auch zu gesellschaftlich relevanten Themen wie Diversität. Zum Wissenstransfer in die Familien tragen flankierende Eltern-Cafés bei, die regelmäßig angeboten werden.

Das Gütesiegel Buchkindergarten wurde erstmals 2019 von der IG Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und dem Deutschen Bibliotheksverband vergeben. 2020 wurden bundesweit 74 Einrichtungen ausgezeichnet, elf davon aus Baden-Württemberg.

Bildung: Neues Schuljahr

[12.09.2020] An diesem Wochenende enden auch in Baden-Württemberg die Sommerferien. Nicht erst seit heute drehen sich meine Gedanken um das neue Schuljahr und das, was es mit sich bringen mag. Für mich bedeutet es die Wiederaufnahme der Geschichtenwerkstatt, einem literaturpädagogischen Projekt für Schüler*innen mit besonderem Förderbedarf. Für Lehrer*innen und alle weiteren pädagogischen Fachkräften bedeutet es, kognitives und emotionales Wissen weiterzugeben und für eine Atmosphäre zu sorgen, in der beides zu vermitteln ist. Und für Schüler*innen heißt es, offen dafür zu sein und lernen zu wollen. Flankierend zu diesen Rahmenbedingungen bleibt das Coronavirus eine zusätzliche Herausforderung, die es zu bewältigen gilt. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass es nicht zum Hinderungsgrund für Leseförderung und nachhaltiges Lernen wird.

Poesie: Im Fokus des Lebens

[30.08.2020] Spätsommer in Bietigheim. Am Rande der Altstadt treffe ich mich mit der 17-jährigen Schülerin Laura Meroth. Nächstes Jahr schreibt sie ihr Abitur, ihr Lieblingsfach ist, das hatte ich nicht anders erwartet, Deutsch. Weil sie im Sommer am liebsten draußen ist, treffen wir uns auf einer Bank in der Nähe des Japangartens. Auf dem Weg zur Bücherei oder dem Geigenunterricht kommt sie daran vorbei. Wenn sie sich für eine der beiden Passionen entscheiden müsste, würde sie das Lesen wählen. Ein Leben ohne Lesen kann sie sich nicht vorstellen. Und, seit einigen Jahren, ohne das Schreiben auch nicht mehr. Laura Meroth schreibt Lyrik, Kurzgeschichten und Parodien und – wer weiß? – eines Tages einen Roman.

Im Januar 2019 erhielt sie, gemeinsam mit fünf weiteren Dichter*innen, den Monatspreis für junge Lyrik – lyrix. Der Bundeswettbewerb zur Förderung junger Lyrik zeichnet in Kooperation mit dem Deutschlandfunk seit 2008 jeden Monat junge Dichter*innen aus.

Im Wettbewerb mit den anderen Monatsieger*innen glänzte ihr Gedicht Valentinstag 2056 und wurde von der Jury in die Liste der zwölf besten Gedichte des Jahres 2019 gewählt. Grund genug, mich mit Laura Meroth zu treffen, um mit ihr über das Gedicht, das Schreiben und das Leben an sich zu sprechen.

Zum Gespräch

Schule: Sprachförderung ist wichtig

[18.08.2020] Die Arbeitsgemeinschaften Sprachförderung nach dem Denkendorfer Modell praktizieren seit Jahren qualitätsvolle Sprachförderung an Schulen in Baden-Württemberg. Sie entlasten Lehrer*innen und fördern Schüler*innen. Derzeit ist es um die Zukunft der Rahmenrichtlinien, innerhalb derer die Kleingruppen stattfinden und finanziert werden, ungewiss. Deshalb unterstütze ich die Initiative für die Fortführung und Verbesserung der Zuschussrichtlinie zur Sprachförderung an Schulen, welche von den Arbeitsgemeinschaften Sprachförderung nach dem Denkendorfer Modell initiiert wurde.

Mehrsprachigkeit stärken – mündlich und schriftlich
Es geht nicht darum, dass Kinder Deutsch sprechen müssen. Sondern dass sie es können. Denn ohne diese Sprachkompetenz blieben ihnen viele Teilhabemöglichkeiten in Schule und Gesellschaft verwehrt. Das belegen auch die Untersuchungsergebnisse des Projekts “Mehrsprachigkeit im Zeitverlauf” (MEZ) der Universität Hamburg. Sie widerlegen die Befürchtung, dass der Ausbau von Fähigkeiten in der Herkunftssprache den Erwerb des Deutschen beeinträchtige. Ganz im Gegenteil, “deutsch-türkisch- und deutsch-russischsprachige Jugendliche, die das Schreiben in ihrer Herkunftssprache gut beherrschen, erzielten sowohl im Deutschen als auch im Englischen durchweg bessere Leistungen als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler mit schlechteren Schreibfähigkeiten in der Herkunftssprache”, wie der Pressemeldung der Universität Hamburg Wie können sprachliche Bildung und Mehrsprachigkeit vereinbart werden? zu entnehmen ist.

Literaturkreis: Gedanken- und Lebenskreise

[02.08.2020] Vor zwei Tagen stellte eine Freundin im Literaturkreis die Frage, weshalb es bei Gesprächen so schwer falle, einmal eingenommene Positionen wieder aufzugeben. Am Abend ging diese Frage unter – es war schon nach 23 Uhr -, mich ließ sie dennoch nicht los. Und so waberte sie beim Joggen am Morgen immer noch durch meine Gedanken. Liegt es daran, dass wir in Gesprächen lieber Recht haben wollen, anstatt unser Gegenüber verstehen zu wollen?

Recht habe auch ich gerne, will überzeugen, und – ja – verstehen schon auch, aber … liegt darin der Knackpunkt? Dass es mir beim Recht haben um mich und meine Meinung geht, weniger um mein Gegenüber? Ich meine Position zwar sorgfältig darlege, allerdings ohne wirklich zuzuhören und offen für andere Ansichten zu sein? Könnten, sofern ich das wäre, solche Gespräche anders verlaufen? Weil es nicht darum ginge, wer wen überzeugen konnte, sondern Verständnis füreinander gewachsen wäre? Und Haltungen zwar nicht unbedingt geteilt, aber – zumindest teilweise – verstanden würden? Könnten dann – groß gedacht – Kompromisse und Lösungen gefunden werden?

Meine Gedanken kreisen weiter. Angeregt wurden sie übrigens durch das Literaturkreis-Gespräch über Machandel von Regina Scheer.

Leseorte: Vom Zauber des Vorlesens an Lieblingsplätzen

Wer liest, hat einen Lieblingsplatz zum Lesen. Auf dem Sofa, im Sessel, Schaukelstuhl oder Bett, in der Hängematte, am Ofen oder Schreibtisch – es gibt viele Orte, an denen gerne gelesen wird. Die Suche nach so einem Ort – dem allerbesten Ort – erzählt das Bilderbuch Der allerbeste Platz in Wort und Bild. Papa Elch und das Elchkind sind gemeinsam in der Stadt. In Claires Buchladen kaufen sie Elchkind ein neues Buch, das – logisch! – gleich vorgelesen werden soll. Sogleich machen sie sich auf die Suche nach einem geeigneten Ort, wo sie ungestört miteinander lesen können. Allen Ansprüchen soll er gerecht werden, der allerbeste Platz für die verzauberte Stunde, wie Meghan Cox Gurdon das Vorlesen nennt. Falls Sie das Buch (2019, Insel Verlag, Berlin) noch nicht kennen, lesen Sie es!

Passionierte Vorleser*innen werden in ihrem Tun bestätigt, wer daran zweifelt, eines besseren belehrt. Und wer es dennoch nicht glaubt, möge es einfach ausprobieren. Es braucht nicht viel für diese “schlichte, aber tiefgehende Angelegenheit. Einem geliebten Menschen vorzulesen ist das einfachste und zugleich eins der größten Geschenke, die wir ihm machen können. Das Einzige, was es für eine fröhliche lange Reihe verzauberter Stunden braucht, ist jemand, der es möglich macht. Und das kann jeder von uns versuchen.” (Seite 278f) Genau! Und mit den passenden Büchern ist das auch kein Problem.

Nachdenklich: Bevor ich sterbe, möchte ich

Neulich in Stuttgart. Auf dem Weg zum Bahnhof sehe ich vor dem Haus der Katholischen Kirche auf der Königstraße eine grüne Tafel. Sie erinnert an Schultafeln, wäre da nicht die Überschrift “Bevor ich sterbe, möchte ich …” 
Ja, was eigentlich?

Andere Passanten dachten entweder schon darüber nach oder wissen es sogleich.
Jedenfalls ist eine Seite der Tafel schon ziemlich gefüllt: Eine Weltreise mit der Tochter machen, aus vollem Herzen lachen, wahre Liebe finden, lange gesund bleiben, alt werden und und und.

Und was möchte ich?
Leben! Erfüllt leben.
Heute, morgen, jeden Tag.
Solange ich bin.

Das ist leichter geschrieben als getan. Es gibt Gründe, die mich davon abhalten.
Gründe von außen, Gründe in mir. Erstrebenswert finde ich es dennoch. Will den Gründen von außen etwas entgegensetzen. Wie der gelbe Vogel. Der alles zum Wachsen bringen konnte. Zum Leben. Sogar den blauen Vogel wieder zum Fliegen.

Perspektivwechsel: Weltflüchtlingstag

Manchmal hilft es, die Perspektive zu ändern. Anlässlich des Welttages der Geflüchteten kann ein Gedankenspiel à la “was wäre, wenn …?” dazu beitragen, die eigene Einstellung zu überdenken.

Was wäre, wenn wir in unseren Breiten nicht mehr leben könnten? Wenn Willkür und Krieg herrschten? Oder die Temperaturen derart anstiegen, dass die Flüsse austrockneten und die Felder noch mehr vertrockneten, als sie es ohnehin tun? Was wäre, wenn …? Wären wir dann diejenigen, die sich auf die Suche nach einem anderen, lebenswerteren Ort begäben? Einen Ort, an dem wir unsere Liebsten sicher wüssten und uns selbst auch? Was wäre, wenn?

Dieses Gedankenspiel ist Grundlage vieler lesenswerter Bücher. Zwei Bilderbücher (ab fünf Jahren) – wovon eines auf einem Freud’schen Versprecher basiert – und ein Essay bringen es gekonnt zum Ausdruck:

Flucht von Niki Glattauer (Text) und Verena Hochleitner (Illustration) (2016, Innsbruck-Wien: Tyrolia) ist ein überraschendes Buch. Überraschend, weil es aus der Sicht einer Katze erzählt wird. Die haben sieben Leben, was auf einer Flucht ganz hilfreich ist. Überraschend wegen der Sprache, die weder verharmlost noch ängstigt, sondern während träumender Erinnerungen oder hoffnungsvoller Träume poetisch die Handlung voran treibt. Überraschend wegen der Visualisierung derselben, wenn verlorene Realitäten im Meer versinken, Meereswogen wie Monster erscheinen oder sich zu himmelblauen Traumhäusern verwandeln. Und überraschend wegen seines Endes, das hier keinesfalls verraten wird.

Tiere stehen auch im Mittelpunkt von Pudel mit Pommes von Pija Lindenbaum (2018, Hamburg: Oetinger). Neben Pudeln noch drei Jack Russell Terrier mit Namen Ullis, Ludde und Katta. Die haben ein schönes Leben, genug zu essen und sogar einen Pool. Aber das ändert sich. Die Kartoffeln gehen aus und weil es so heiß ist, wachsen keine neuen mehr. Schweren Herzens verlassen sie deshalb ihr Zuhause, kehren nochmals um, überleben eine Bootsfahrt und treffen schließlich auf drei Pudel. Die haben, was sie nicht mehr haben: Nahrung, Kleidung, Wohnraum. Ob sie zum Teilen bereit sind?

In ihrem Essay Krieg
(2011, München: Hanser)
formuliert die dänische Schriftstellerin Janne Teller für jugendliche und erwachsene Leser*innen einen Rollentausch.
Keinen spielerisch freiwilligen, sondern einen kriegsbedingt notwendigen, denn der beschriebene Konflikt findet in Deutschland statt. Kein Wunder, dass viele das Land verlassen und auf dem afrikanischen Kontinent ihr Glück versuchen, wo sie stattdessen in einem ägyptischen Flüchtlingslager stranden.
So auch die Familie jenes Jugendlichen, der sein Schicksal – wem? – erzählt. Den Behörden, die ihm keine Aufenthaltsgenehmigung  bewilligen? Ohne die er keine Schule besuchen kann, kein Arabisch lernen, keine Arbeit finden und keine Perspektive entwickeln kann. Oder den Leser*innen, die durch die Lektüre – hoffentlich – ins Nachdenken kommen?

Wer dann einen Schritt weiter gehen möchte, dem sei noch das Bilderbuch Einfach nett empfohlen. Denn Freundlichkeit gegenüber anderen Menschen ist der erste – und einfachste – Schritt, um zu vermitteln, was Mit-Menschsein bedeutet: Würde, Respekt und Wertschätzung nicht nur für sich selbst zu beanspruchen, sondern auch zu leben. Würdig, respektvoll und wertschätzend gegenüber allen. Damit alle ebenso leben können.

München: LLP-Kolloquium

Ende Mai führte ich mal wieder an der Münchner Bildungsakademie Feinschliff zwei Seminare durch. Eines über Bilderbücher zu Genderthemen und Familienvielfalt, eines über die Bedeutung von Elementarbüchern. Gestern war ich erneut in München. Diesmal als Prüferin des Abschlusskolloquiums Lese- und Literaturpädagogik im Auftrag des Bundesverbands Leseförderung (BVL). Dabei stellten auch Teilnehmerinnen der beiden Seminare im Mai ihr Können zur Schau.

Zwei bis drei Jahre Weiterbildung und viele, viele Seminare liegen hinter den Damen, die ihren Blick auf Literatur veränderten. “Schwierige” Bücher, sei es aufs Cover oder das Thema bezogen, werden nicht (mehr) mit spitzen Fingern zur Seite gelegt, sondern als Herausforderung betrachtet. Woran ließe sich bei einer möglichen Vermittlung ansetzen, um Interesse für sie zu wecken? Das enorme Methodenrepertoire, das im Laufe der Jahre vermittelt und selbst angewandt wurde, schafft Sicherheit.

Überraschende Erkenntnisse waren die Folge, bei den Lese- und Literaturpädagoginnen und den teilnehmenden Kindern und Jugendlichen. Die gingen sogar so weit, dass eine Klasse bedauerte, sich nicht für die freiwillige Teilnahme am Workshop entschieden zu haben!

Das ist Literaturvermittlung mit Kopf, Hand und Verstand, die mir wieder einmal zeigte, wie gerne ich mich daran beteilige, indem ich mein Wissen weitergebe. Sei es in München im Rahmen der lese- und literaturpädagogischen Angebote zur Fachkraft für literarische Bildung oder bei jedwedem anderen Seminar. Was nach der Hoch-Zeit von Corona hoffentlich bald wieder in stärkerem Maße möglich ist.

Übrigens haben das gestrige Kolloquium alle vier Teilnehmerinnen mit Bravour bestanden. Die Wirkung literarischen Lernens, einer der Säulen der Lese- und Literaturpädagogik, nimmt auch bei “hoher Dosierung” wie einer langjährigen Weiterbildung zur professionellen Literaturvermittlung nicht ab. Im Gegenteil, ihre Wirkung potenziert und entfaltet sich. Außerdem fügt sie der lese- und literaturpädagogischen Kurzform LLP eine weitere Bedeutungsebene hinzu: Lesen, Lernen, Profilieren. Das wurde gestern aufs Beste unter Beweis gestellt. Chapeau!