Die Natur. Entdecke die Wildnis vor deiner Haustür


Von Maria Ana Peixe Dias und Ines Teixeira do Rosário,
illustriert von Bernardo P. Carvalho,
aus dem Portugiesischen übersetzt von Claudia Stein.
Ab 8, 368 Seiten
2019, Beltz & Gelberg, Weinheim
978-3-407-81214-8
€ 22,95 

Ein Gastbeitrag von Dr. Stefan Kress, stellvertretender Vorsitzender des NABU Stuttgart e.V.

Mich hat das Buch durch seine Machart beim in die Hand nehmen sofort zum Durchblättern und darin Schmökern animiert.

Positiv:
Das Buch gibt einen guten Überblick über die verschiedenen Aspekte der Natur, von den verschiedenen Tiergruppen über Pflanzen bis hin zu Gesteinen, Meer, Sternen und Wetter. Die gegebenen Informationen sind größtenteils kind-/jugendgerecht (Ausnahme: Teilweise werden wissenschaftliche Fachausdrücke eingeführt, die für die Altersgruppe, für die das Buch eigentlich gemacht scheint, zu speziell sind (z.B. ovipar, ovovivipar u. vivipar auf S. 20)).
Alle im Buch genannten Fakten sind, soweit ich das sagen kann bzw. überprüft habe, korrekt (z. B. das Turmfalken mitunter in Balkonkästen nisten), d. h. das Buch ist gut recherchiert. Die einzigen kleinen Fehler, die ich gefunden habe sind, dass von Tausendfüßlern statt von Tausendfüßern und von Ameisen-Soldaten die Rede ist, obwohl es sich bei letzteren um Weibchen handelt, sie also korrekterweise „Major-Arbeiterinnen“ genannt werden sollten (aber das macht praktisch niemand, da ist das Buch nicht alleine).
Das Buch ist auf aktuellem Stand von 2017 (z.B. Wolfsituation in Deutschland, Zeittafel am Ende des Buches).
Obwohl es ein portugiesisches Buch ist, beziehen sich doch viele Beispiele auf Deutschland.

Negativ:
Der Untertitel lautet „Entdecke die Wildnis vor Deiner Haustür“. Tatsächlich gibt es immer wieder Tipps, wie man das im Buch Gelesene draußen vertiefen kann. Ich habe aber den Eindruck, dass das Buch nicht wirklich „weiß, was es denn nun sein will“, ein Wissensbuch oder ein Naturerkundungsbuch. Wenn es wirklich letzeres wäre, hätte es sich beim Inhalt auf die Natur Europas, also das, was im tatsächlichen Erlebnisraum der Kinder existiert, beschränken sollen – und man hätte dann auf neuseeländische Brückenechsen, die Tierwelt der Galapagosinseln usw. verzichten sollen.
Ich bin mir nicht sicher, ob die Vorschläge die Kinder von heute wirklich „abholen“ und dazu animiert, nach draußen zu gehen (z. B. die Vorschläge „In Pfützen springen“ oder „Regensuppe machen“, in dem man in einen Eimer Regen auffängt, Pflanzenteile reinwirft und dann daran riecht).
Bei einigen Beispielen merkt man dann doch, dass das Buch ursprünglich aus Portugal stammt; so sind bei den Bildtafeln im Mittelteil mit dem Stein-Storchschnabel und der Römer-Kamille Blumen abgebildet, die es in Deutschland selten bzw. gar nicht gibt und auf der Doppelseite zu den Reptilien kommen 6 von 13 Tieren nicht in Deutschland vor. Auch vom auf S. 247 beschriebene Pyrenäen-Desman hat wohl noch kein hiesiges Kind je gehört.
Vereinfachende Bilder sind, gerade für Kinder, eigentlich gut, da damit wesentliche Merkmale hervorgehoben werden können. Bei diesem Buch merkt man aber, dass die Zeichnungen nicht von einem „Naturmaler“ stammen; sie sind oft einfach nur skizzenhaft und namentlich die gemalten Pflanzen kann man m. E. aufgrund der Zeichnungen oft nur schwer erkennen.
Das Buch arbeitet zwar mit Farben, aber nur mit wenigen – und diese werden oft nicht „farbecht“ eingesetzt (s. z. B. Feuersalamander auf S. 96 oder die Blumen auf S. 228f (Wilde Möhre blüht weiß, Gänsedistel gelb und das Zimbelkraut violett). Bei einem Buch mit künstlerischem Anspruch hätte mich das nicht (oder weniger) gestört, aber bei einem „Naturbuch“ finde ich das fahrlässig, da es durchaus sein kann, dass kleinere Kinder, die mit dem Buch an die Natur herangeführt werden sollen, die „abstrakte“ Verwendung der Farben noch nicht verstehen und sich schlichtweg falsche Farben zu einzelnen Lebewesen einprägen.

Zusammengefasst:
Das Buch changiert zwischen Sach- und Naturerlebnisbuch, zwischen Buch für den Mittelmeer- u. mitteleuropäischen Raum und zwischen künstlerischen und wissenschaftlich korrekten Abbildungen und kann sich in allen drei Bereichen leider nicht recht entscheiden.

 

 

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