Lesen: Ungenügend

StZ vom 27.4.2018

[28.4.2018] Wie viele Schülerinnen und Schüler müssen noch ihre unzureichende Lesekompetenz unter Beweis stellen, bevor sich etwas ändert?
Bevor überlegt wird, woher die Schülerinnen und Schüler mit den guten Ergebnissen ihre diskursiven und literalen Qualifikationen beziehen?
Könnte es daran liegen, dass ihnen von Kindesbeinen an regelmäßig vorgelesen wurde? Sie Menschen an ihrer Seite hatten, die ihnen die Tür zur Welt des literarischen Lernens öffneten und sie begleiteten, auch dann noch, als sie längst zur Schule gingen? Sie Zeit zum Lesenlernen hatten und von der Gewissheit begleitet wurden, dass ihnen das gelingen würde, unabhängig davon, wie lange es dauern würde, ein, zwei oder weitere Jahre?
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse liegen vor (Verknüpfung von Prozess- und Sozialebene, um Lesen ins Selbskonzept zu integrieren, die zeitliche Dimension des Leseerwerbs), die lustvollen, handlungs- und produktionsorientierten Methoden ebenfalls.
Was fehlt, ist der Mut zur Umsetzung. Denn der setzt die Einsicht voraus, dass der Mangel nicht nur bei den Kindern und Jugendlichen gesucht werden kann, sondern auch im System liegt. Das zu ändern kostet – Zeit und Geld: Mehr Personal (Lehrkräfte, Lese- und Literaturpädagog*innen, weitere Fachkräfte) sowie veränderte Rahmenbedingungen, die lustvolle Zugänge zum Lesen ermöglichen, nicht nur prozessorientierte, analytisch-vergleichende, bei denen die Freude am Tun verloren geht.
Derzeit werden viele Aufgaben ins Ehrenamt delegiert. Wie sähen die Ergebnisse ohne das regelmäßige Engagement der ehrenamtlichen Vorlesepat*innen und Lesementor*innen aus, die ihre Lust und Leidenschaft fürs Lesen weitergeben, und, jahraus, jahrein, Schülerinnen und Schüler begleiten? Vermutlich noch schlechter …
Dennoch kann ehrenamtliches Engagement nicht die Antwort auf ein strukturelles Problem sein, sondern sollte Sahnehäubchen bleiben.

23. April: Welttag des Buches

Auch in meinem Bücherhäusle und der Bücherzelle in Bietigheim wird der Welttag des Buches begangen. Damit die Tauschangebote attraktiv bleiben, gehören ordnen, sortieren und entsorgen regelmäßig dazu. Ich bin gespannt, ob der unermessliche Vorrat an Büchern von Heinz G. Konsalik und Johannes Mario Simmel eines Tages abnehmen wird. Die entsorge ich nämlich, im Bücherhäusle sofort, in der Bücherzelle je nach Platz, weil sie den Blick auf andere, ansprechendere Bücher versperren.

Beim Wort genommen: Mehr Personal an Schulen

[10.4.2018] Ehrenamtliche Lesepat*innen oder Mentor*innen ergänzen Pädagog*innen in Kindertagesstätten, Schulen und weiteren Bildungseinrichtungen, sie übernehmen nicht deren Bildungsaufgaben. Dahingehend äußerte sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel am 10. März auf die Frage, ob künftig vermehrt Eltern oder Ehrenamtliche die Grundkompetenz Lesen vermitteln müssten, und antwortete:

„Ich finde es toll, dass es Ehrenamtler gibt; gerade die Lesepatenschaften sind etwas ganz Großartiges. Das darf uns aber als Staat nicht davon abhalten, für die Grundkompetenzen natürlich selber zu sorgen. Und das ist Ergänzung, das ist wunderschön. Ich danke auch allen, die das machen. Und ich glaube, für viele Kinder, ist das ein Riesenerfahrungshorizont, den sie hinzugewinnen. Aber die Unzulänglichkeiten, um es vorsichtig zu sagen, die es in manchen Schulen gibt, (…) die darf uns nicht ruhen lassen. Sondern da muss auch der Staat dafür sorgen, dass dann im Zweifelsfalle mehr Personal da ist.“

In Zeiten multiprofessioneller Teams in Bildungseinrichtungen können Lese- und Literaturpädagog*innen diesen Personalbedarf decken und Kinder und Jugendliche zum Lesen führen. Sofern Stellen für sie geschaffen werden. Wann werden die Worte der Kanzlerin in die Tat umgesetzt?

Interview Die Kanzlerin direkt #7/2018 (Textversion) und als Podcast:

 

21. März: Welttag der Poesie

[20.3.2018] Wie schön, dass es einen Welttag der Poesie gibt! Von der UNESCO ausgerufen und erstmals im Jahr 2000 begangen, erinnert er an den Stellenwert der Poesie und ihrer vielfältigen mündlichen und schriftlichen Ausdrucksformen.
Die Bedeutung des (Tagebuch-)Schreibens, seine aufbauende Wirkung und die wohltuender Worte, beschreibt  Milena Michiko Flašar in Ich nannte ihn Krawatte (München: btb 2014. S. 130) so:

„Ob ich noch schreibe? Undenkbar, es nicht zu tun. Gerade in der finstersten Nacht waren die Wörter leuchtende Kieselsteine. Das Licht des Mondes und der Sterne, sie hatten es eingefangen und strahlten es wieder aus. Ein Wort war darunter, das besonders hell leuchtete. Das Wort von der Einfachheit. Ich würde mich ihm nähern, leichten Schrittes, es von allen Seiten her betrachten, es schließlich in die Hand nehmen, von ihm verzaubert, erkennen, dass sein Zauber darin liegt, von sich aus, aus seiner schieren Bedeutung heraus, zu leuchten. Einfachheit. Einfach da sein. Es einfach auszuhalten. Je mehr ich es aushielt, desto einfacher wurde es einzusehen, wie schön, einfach schön, es ist, da zu sein.“

Marktplatz: Leipziger Buchmesse

Eiszeit in Leipzig

[15.3.2018] Bücher schaffende, lesende und vermittelnde treffen sich vom 15. – 18. März 2018 in Leipzig, kommen ins Gespräch miteinander, informieren sich, feiern nominierte oder prämierte Bücher, bilden sich weiter, vertreten die Meinungs- und Pressefreiheit oder diskutieren aktuelle Fragestellungen. So auch ich, und zwar bei der Veranstaltung #Leselust -Literaturförderung im (Schul-)Alltag von Jugendlichen am Freitag, den 16. März von 12:00 – 13:00 Uhr in Halle 5, Stand E510.

Vielfalt: Lese- und Literaturpädagogik

Am 2. Februar trafen sich in Heilbronn Absolventinnen der Weiterbildung Lese- und Literaturpädagogik, Interessierte derselben, Lehrerinnen, Bibliothekarinnen und Sprachförderdozentinnen zum Praxisaustausch Lese- und Literaturpädagogik, der eine beeindruckende Vielfalt bot: Eloquente Vorstellung der für den Deutschen Jugendliteraturpreis des Jahres 2017 nominierten und prämierten Bücher (Gesche Hagmann); lese- und literaturpädagogischer Einfallsreichtum in der Sprachförderung mit Ferngläsern, scheuen Wörtern, digitalem “Dalli klick” und einem Kamishibai (Angelika Sauer-Büttner); movable books (Pop up-Bücher), Grusel, Kreativität und Schreibfreude bei den 23. baden-württembergischen Kinder- und Jugendliteraturtagen 2017 (Evelyn Gangl) sowie literaturpädagogische Begleitung von Jugendlichen in Berufsvorbereitungsklassen mit eindeutig bibliotherapeutischer Färbung und berührender Wirkung (Katrin Stoico). Lese- und Literturpädagogik wirkt, befähigt, begeistert – und braucht Zeit, Geld und Räume, an denen sie wirken kann.
Die künftige Bundesregierung will viel Geld in die Bildung investieren. Für Digitalisierung soll mehr Geld zur Verfügung gestellt werden, als zur Verbesserung der Betreuungsangebote an Ganztagsschulen. Dabei sind es Menschen, die Unterricht und Freizeitangebote lustmachend konzipieren, gestalten und mit verschiedenen Medien – natürlich auch digitalen – arbeiten. Werden für sie neue Stellen geschaffen? Wird künftig jede Schule, jede Bildungseinrichtung wenigstens einen Lese- und Literaturpädagogen beschäftigen? Ihre Kompetenz ist beeindruckend. Wo sind die Orte, an denen sie ihr Füllhorn öffnen können?

Ausgepackt: F.K. Waechters Tierpuzzle


33 Teile, die es in sich haben – das Tierpuzzle von F.K. Waechter (1937-2005)!
Bietet der Außenrand von Puzzles üblicherweise eine Orientierung, wie es weitergehen könnte, sieht man bei Waechters Tierpuzzle im wahrsten Sinne des Wortes schwarz. Einzig die hauchfeinen Konturen geben eine Ahnung davon, welches Tier sich in die Wölbungen schmiegt: Der Löwe, das Krokodil, das Murmeltier, die Katze, der Hase, die Taube, das Schwein, der Fuchs, die Kröte, das Nashorn, die Gans, das Wildschwein, die Maus, das Känguru, das Nilpferd und der Seehund ist es. In, um und neben den 16 sind 17 weitere große und kleine Tiere ineinander verkeilt, deren genauer Platz ohne Vorlage schwer auszumachen wäre. Dank dieser heißt es, die Tiere zu benennen, zu finden und aneinander zu legen. Und sich nebenbei die kuriosesten Geschichten auszudenken, wie es den Tieren wohl auf derart engem Raum ergehen würde? Oder sich über die Tiere und ihren Lebensraum Gedanken zu machen, um nach der Fertigstellung des Puzzles sogleich ein Tierlexikon in die Hand zu nehmen und nachzulesen.
F.K. Waechter: Tierpuzzle. Ein Bild aus 33 Tieren. Nach einer Zeichnung von 1972.
Ab 6 Jahren, Spieldauer: ca. 15 Min., Ladenpreis ca. € 19,90. 2018, Frankfurt/Main: MeterMorphosen.