Literaturkreis: Gedanken- und Lebenskreise

[02.08.2020] Vor zwei Tagen stellte eine Freundin im Literaturkreis die Frage, weshalb es bei Gesprächen so schwer falle, einmal eingenommene Positionen wieder aufzugeben. Am Abend ging diese Frage unter – es war schon nach 23 Uhr -, mich ließ sie dennoch nicht los. Und so waberte sie beim Joggen am Morgen immer noch durch meine Gedanken. Liegt es daran, dass wir in Gesprächen lieber Recht haben wollen, anstatt unser Gegenüber verstehen zu wollen?

Recht habe auch ich gerne, will überzeugen, und – ja – verstehen schon auch, aber … liegt darin der Knackpunkt? Dass es mir beim Recht haben um mich und meine Meinung geht, weniger um mein Gegenüber? Ich meine Position zwar sorgfältig darlege, allerdings ohne wirklich zuzuhören und offen für andere Ansichten zu sein? Könnten, sofern ich das wäre, solche Gespräche anders verlaufen? Weil es nicht darum ginge, wer wen überzeugen konnte, sondern Verständnis füreinander gewachsen wäre? Und Haltungen zwar nicht unbedingt geteilt, aber – zumindest teilweise – verstanden würden? Könnten dann – groß gedacht – Kompromisse und Lösungen gefunden werden?

Meine Gedanken kreisen weiter. Angeregt wurden sie übrigens durch das Literaturkreis-Gespräch über Machandel von Regina Scheer.

Leseorte: Vom Zauber des Vorlesens an Lieblingsplätzen

Wer liest, hat einen Lieblingsplatz zum Lesen. Auf dem Sofa, im Sessel, Schaukelstuhl oder Bett, in der Hängematte, am Ofen oder Schreibtisch – es gibt viele Orte, an denen gerne gelesen wird. Die Suche nach so einem Ort – dem allerbesten Ort – erzählt das Bilderbuch Der allerbeste Platz in Wort und Bild. Papa Elch und das Elchkind sind gemeinsam in der Stadt. In Claires Buchladen kaufen sie Elchkind ein neues Buch, das – logisch! – gleich vorgelesen werden soll. Sogleich machen sie sich auf die Suche nach einem geeigneten Ort, wo sie ungestört miteinander lesen können. Allen Ansprüchen soll er gerecht werden, der allerbeste Platz für die verzauberte Stunde, wie Meghan Cox Gurdon das Vorlesen nennt. Falls Sie das Buch (2019, Insel Verlag, Berlin) noch nicht kennen, lesen Sie es!

Passionierte Vorleser*innen werden in ihrem Tun bestätigt, wer daran zweifelt, eines besseren belehrt. Und wer es dennoch nicht glaubt, möge es einfach ausprobieren. Es braucht nicht viel für diese “schlichte, aber tiefgehende Angelegenheit. Einem geliebten Menschen vorzulesen ist das einfachste und zugleich eins der größten Geschenke, die wir ihm machen können. Das Einzige, was es für eine fröhliche lange Reihe verzauberter Stunden braucht, ist jemand, der es möglich macht. Und das kann jeder von uns versuchen.” (Seite 278f) Genau! Und mit den passenden Büchern ist das auch kein Problem.

Nachdenklich: Bevor ich sterbe, möchte ich

Neulich in Stuttgart. Auf dem Weg zum Bahnhof sehe ich vor dem Haus der Katholischen Kirche auf der Königstraße eine grüne Tafel. Sie erinnert an Schultafeln, wäre da nicht die Überschrift “Bevor ich sterbe, möchte ich …” 
Ja, was eigentlich?

Andere Passanten dachten entweder schon darüber nach oder wissen es sogleich.
Jedenfalls ist eine Seite der Tafel schon ziemlich gefüllt: Eine Weltreise mit der Tochter machen, aus vollem Herzen lachen, wahre Liebe finden, lange gesund bleiben, alt werden und und und.

Und was möchte ich?
Leben! Erfüllt leben.
Heute, morgen, jeden Tag.
Solange ich bin.

Das ist leichter geschrieben als getan. Es gibt Gründe, die mich davon abhalten.
Gründe von außen, Gründe in mir. Erstrebenswert finde ich es dennoch. Will den Gründen von außen etwas entgegensetzen. Wie der gelbe Vogel. Der alles zum Wachsen bringen konnte. Zum Leben. Sogar den blauen Vogel wieder zum Fliegen.

Perspektivwechsel: Weltflüchtlingstag

Manchmal hilft es, die Perspektive zu ändern. Anlässlich des Welttages der Geflüchteten kann ein Gedankenspiel à la “was wäre, wenn …?” dazu beitragen, die eigene Einstellung zu überdenken.

Was wäre, wenn wir in unseren Breiten nicht mehr leben könnten? Wenn Willkür und Krieg herrschten? Oder die Temperaturen derart anstiegen, dass die Flüsse austrockneten und die Felder noch mehr vertrockneten, als sie es ohnehin tun? Was wäre, wenn …? Wären wir dann diejenigen, die sich auf die Suche nach einem anderen, lebenswerteren Ort begäben? Einen Ort, an dem wir unsere Liebsten sicher wüssten und uns selbst auch? Was wäre, wenn?

Dieses Gedankenspiel ist Grundlage vieler lesenswerter Bücher. Zwei Bilderbücher (ab fünf Jahren) – wovon eines auf einem Freud’schen Versprecher basiert – und ein Essay bringen es gekonnt zum Ausdruck:

Flucht von Niki Glattauer (Text) und Verena Hochleitner (Illustration) (2016, Innsbruck-Wien: Tyrolia) ist ein überraschendes Buch. Überraschend, weil es aus der Sicht einer Katze erzählt wird. Die haben sieben Leben, was auf einer Flucht ganz hilfreich ist. Überraschend wegen der Sprache, die weder verharmlost noch ängstigt, sondern während träumender Erinnerungen oder hoffnungsvoller Träume poetisch die Handlung voran treibt. Überraschend wegen der Visualisierung derselben, wenn verlorene Realitäten im Meer versinken, Meereswogen wie Monster erscheinen oder sich zu himmelblauen Traumhäusern verwandeln. Und überraschend wegen seines Endes, das hier keinesfalls verraten wird.

Tiere stehen auch im Mittelpunkt von Pudel mit Pommes von Pija Lindenbaum (2018, Hamburg: Oetinger). Neben Pudeln noch drei Jack Russell Terrier mit Namen Ullis, Ludde und Katta. Die haben ein schönes Leben, genug zu essen und sogar einen Pool. Aber das ändert sich. Die Kartoffeln gehen aus und weil es so heiß ist, wachsen keine neuen mehr. Schweren Herzens verlassen sie deshalb ihr Zuhause, kehren nochmals um, überleben eine Bootsfahrt und treffen schließlich auf drei Pudel. Die haben, was sie nicht mehr haben: Nahrung, Kleidung, Wohnraum. Ob sie zum Teilen bereit sind?

In ihrem Essay Krieg
(2011, München: Hanser)
formuliert die dänische Schriftstellerin Janne Teller für jugendliche und erwachsene Leser*innen einen Rollentausch.
Keinen spielerisch freiwilligen, sondern einen kriegsbedingt notwendigen, denn der beschriebene Konflikt findet in Deutschland statt. Kein Wunder, dass viele das Land verlassen und auf dem afrikanischen Kontinent ihr Glück versuchen, wo sie stattdessen in einem ägyptischen Flüchtlingslager stranden.
So auch die Familie jenes Jugendlichen, der sein Schicksal – wem? – erzählt. Den Behörden, die ihm keine Aufenthaltsgenehmigung  bewilligen? Ohne die er keine Schule besuchen kann, kein Arabisch lernen, keine Arbeit finden und keine Perspektive entwickeln kann. Oder den Leser*innen, die durch die Lektüre – hoffentlich – ins Nachdenken kommen?

Wer dann einen Schritt weiter gehen möchte, dem sei noch das Bilderbuch Einfach nett empfohlen. Denn Freundlichkeit gegenüber anderen Menschen ist der erste – und einfachste – Schritt, um zu vermitteln, was Mit-Menschsein bedeutet: Würde, Respekt und Wertschätzung nicht nur für sich selbst zu beanspruchen, sondern auch zu leben. Würdig, respektvoll und wertschätzend gegenüber allen. Damit alle ebenso leben können.

München: LLP-Kolloquium

Ende Mai führte ich mal wieder an der Münchner Bildungsakademie Feinschliff zwei Seminare durch. Eines über Bilderbücher zu Genderthemen und Familienvielfalt, eines über die Bedeutung von Elementarbüchern. Gestern war ich erneut in München. Diesmal als Prüferin des Abschlusskolloquiums Lese- und Literaturpädagogik im Auftrag des Bundesverbands Leseförderung (BVL). Dabei stellten auch Teilnehmerinnen der beiden Seminare im Mai ihr Können zur Schau.

Zwei bis drei Jahre Weiterbildung und viele, viele Seminare liegen hinter den Damen, die ihren Blick auf Literatur veränderten. “Schwierige” Bücher, sei es aufs Cover oder das Thema bezogen, werden nicht (mehr) mit spitzen Fingern zur Seite gelegt, sondern als Herausforderung betrachtet. Woran ließe sich bei einer möglichen Vermittlung ansetzen, um Interesse für sie zu wecken? Das enorme Methodenrepertoire, das im Laufe der Jahre vermittelt und selbst angewandt wurde, schafft Sicherheit.

Überraschende Erkenntnisse waren die Folge, bei den Lese- und Literaturpädagoginnen und den teilnehmenden Kindern und Jugendlichen. Die gingen sogar so weit, dass eine Klasse bedauerte, sich nicht für die freiwillige Teilnahme am Workshop entschieden zu haben!

Das ist Literaturvermittlung mit Kopf, Hand und Verstand, die mir wieder einmal zeigte, wie gerne ich mich daran beteilige, indem ich mein Wissen weitergebe. Sei es in München im Rahmen der lese- und literaturpädagogischen Angebote zur Fachkraft für literarische Bildung oder bei jedwedem anderen Seminar. Was nach der Hoch-Zeit von Corona hoffentlich bald wieder in stärkerem Maße möglich ist.

Übrigens haben das gestrige Kolloquium alle vier Teilnehmerinnen mit Bravour bestanden. Die Wirkung literarischen Lernens, einer der Säulen der Lese- und Literaturpädagogik, nimmt auch bei “hoher Dosierung” wie einer langjährigen Weiterbildung zur professionellen Literaturvermittlung nicht ab. Im Gegenteil, ihre Wirkung potenziert und entfaltet sich. Außerdem fügt sie der lese- und literaturpädagogischen Kurzform LLP eine weitere Bedeutungsebene hinzu: Lesen, Lernen, Profilieren. Das wurde gestern aufs Beste unter Beweis gestellt. Chapeau!

Infektionsschutz: Kinderbücher über COVID-19

Nach dem Ende der Pfingstferien kehren weitere Kinder in ihre Kindertagesstätten und Schulen zurück. Weil Kinder und Jugendliche das Recht auf Bildung haben, ist die Rückkehr in Bildungseinrichtungen richtig. Richtig ist aber auch, dass dadurch ihre Gefährdung durch COVID-19-Viren steigen kann, ebenso wie die der Betreuungskräfte und all ihrer Familien.
Denn die Corona-Pandemie ist noch nicht besiegt, sie ist erst unter Kontrolle.

Weshalb die Kontrolle wichtig ist, weshalb Kinder über viele Wochen zuhause bleiben mussten (und zum Teil auch noch müssen) oder weshalb Hygiene und Abstandsregelungen nach wie vor Bedeutung haben, erklärt fundiert Coronavirus – Ein Buch für Kinder.

Das 15-seitige Sachbilderbuch – empfohlen für Kinder ab fünf Jahren und ihren Bezugspersonen – wird vom englischen Verlag Nosy Crow und dem deutschen Beltz & Gelberg-Verlag kostenfrei zum Download zur Verfügung gestellt. Die Illustrationen in Form von Ein-Bild-Comics stammen von Axel Scheffler, dessen markanter Stil vielen Kindern durch den Grüffelo bekannt ist. Unverkennbar sind auch in Coronavirus seine großen Nasen, denen hier eine besondere Bedeutung zuteil wird, schließlich sind sie die Eintrittspforte des Virus in den menschlichen Körper.

“Eines Tages ist diese seltsame Zeit vorbei”, verspricht das Buch auf Seite 13 und zeigt,
wie sich Kinder freudig entgegen rennen. Freuen wir uns auf diese Zeit und lassen die Umarmungen bis dahin noch auf sich warten. Das Bilderbuch erklärt, wieso. Und zwar mit
so großer Zuversicht, dass an dessen Ende – übrigens über ethnische oder kulturelle Unterschiede hinweg – alle gemeinsam jubeln. Und wir eines Tages mit ihnen!

Der DRK-Kreisverband Rems-Murr e.V. hat ebenfalls ein Kinderbuch zur Corona-Aufklärung veröffentlicht, das kostenfrei zum Download zur Verfügung gestellt wird:
Bandit Corona auf der Flucht von Nina Siegle.

Ausgezeichnet: Adrian hat gar kein Pferd

Der Huckepack-Preis zeichnet Bilderbücher aus, die die Kinderseele stärken.
In diesem Jahr fiel die Wahl auf Adrian hat gar kein Pferd von Marcy Campbell, illustriert von Corinna Luyken, aus dem Amerikanischen übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn (2019, München: cbj).
Prägnant in Wort und Bild handelt Adrian hat gar kein Pferd von Wahrhaftigkeit und Empörung. Von Einsamkeit. Von Begegnung und Gesprächen. Vor allem erzählt es jedoch von der stärkenden Kraft der Fantasie. Die geteilt noch kraftvoller ist! Falls Sie das Buch noch nicht kennen, lassen Sie es sich von Cornelia Tillmanns als Bilderbuchkino vorlesen. Es lohnt sich!

Ausgezeichnet: Albertine

Die Schweizer Künstlerin Albertine wird mit dem Hans Christian Andersen-Preis 2020 geehrt. Die zweite Preisträgerin ist die US-Amerikanerin Jacqueline Woodson, die bereits 2018 mit dem ALMA, Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Award, dem höchstdotierten Preis für Kinder- und Jugendliteratur, ausgezeichnet wurde.

Das Bilderbuch Wie die Vögel (2012, Hamburg: Aladin) von Albertine ist ein leises Bilderbuch über die Kraft der Fantasie. Aufs Wesentliche reduzierte, gleichwohl wunderbar kraftvolle Bilder, die auch den Betrachter*innen viel Spielraum für eigene Überlegungen lassen, erzählen von der LKW-Fahrt und Fracht eines namenlosen Mannes, die sein Leben verändert. Eingeleitet wird die visuelle Erzählung durch den philosophischen Text ihres Lebensgefährten Germano Zullo, übersetzt von Ingrun Wimmer:

“Einige Tage sind irgendwie anders. Zunächst glaubt man, es handele sich um ganz gewöhnliche Tage. Aber diese Tage besitzen ein kleines bisschen mehr als andere.” Dieses MEHR ist nichts Großes, eher sogar “etwas sehr Kleines”, das kaum zu bemerken ist – und dennoch die Welt verändern kann. Bildstark und poetisch, zum Wundern, Staunen, Nachdenken und sehr zu empfehlen für alle ab fünf Jahren. 

Zum Preis: Der Preis zeichnet Autor*innen und Künstler*innen aus, die mit ihrem Werk einen wichtigen Beitrag zur Kinder- und Jugendliteratur leisten. Verliehen wird er von dem internationalen Zusammenschluss von mehr als 70 Institutionen zur Völkerverständigung durch Kinder- und Jugendliteratur IBBY, International Board on Books for Young People mit Sitz in Basel (CH). Deutschland wird vom Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V. mit Sitz in München vertreten. 

Verlängert: Welttag des Buches


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Nach dem großen Erfolg einer nahezu leeren Kiste am Abend des Welttag des Buches entschied ich mich, in die “Verlängerung” zu gehen. Das Wetter war sonnig, der Platz optimal, das Plakat noch unversehrt, warum also nicht? Ergo packte ich tags darauf erneut eine Kiste, in der abends sogar noch ein Buch weniger als am Tag zuvor war. Derart motiviert vom Interesse der Spaziergänger*innen an guten Büchern, entschloss ich mich nochmals eine volle Kiste zu platzieren. Diesmal überwogen die Bücher für Erwachsene, was sich bei der Abholung am Abend zeigte. 3 – 2 – 9 war die Quote der übrig gebliebenen Bücher, die nun peu à peu ins Bücherhäusle wandern. Jenen, die mitgenommen wurden, wünsche ich, dass sie – gemäß den Worten des Plakates – ihren neuen Besitzer*innen gut tun und sie dazu animieren, Lesen in ihre Lebensgestaltung zu integrieren.