Petition: Jedes Kind muss Lesen lernen

Gestärtkt durch die Unterstützung von rund 110.000 Unterzeichner*innen überreichte Kirsten Boie am 6.12.2018 persönlich die Hamburger Erklärung für mehr und bessere Leseförderung Jedes Kind muss Lesen lernen an Bundesbildungsministerin Anja Karliczek. Bei der Übergabe sagte Kirsten Boie: “Es wird sehr viel günstiger, jetzt in die Bildung zu investieren, als später die Folgekosten des Versäumten zu tragen. Das Thema Lesen erscheint im Vergleich zur Digitalisierung altmodisch – dabei ist es viel fundamentaler. Davon, ob die Menschen lesen können, hängt für uns alle sehr viel mehr ab.”  Die Kultusministerkonferenz greift das Thema bei ihrer nächsten Sitzung auf.

Mich beschäftigte das Thema in den letzten Wochen bei der Vorbereitung, Durchführung und den Gesprächen mit den Teilnehmer* innen meiner Kurse und Seminare, denen die Zukunft der Kinder nicht egal ist, ebenfalls sehr.

Veranstaltungstipp: Wenn Worte fehlen

[7.9.2018] Hilfreiche Bilderbücher zur Trauerbewältigung werden von mir am Donnerstag, 20. September, ab 18 Uhr bei Thabea Seitel Floristik & Café vorgestellt.  „In der Achterbahn des Lebens ist nichts sicher, abgesehen vom Tod“ – dennoch führt seine Konfrontation häufig zu peinlicher Berührtheit oder Sprachlosigkeit. Literatur kann ein Ausweg für Angehörige und Freunde sein, insbesondere Bilderbücher, von denen Kinder und Erwachsene gleichermaßen angesprochen werden. Solche, die berühren, trösten, Freiräume zulassen oder – gemeinsam mit den Illustrationen – Zuversicht und (neue) Lebensfreude wecken, stelle ich an diesem Abend vor.
Donnerstag, 20.9.2018, Thabea Seitel, St. Peter-Weg 24, 74321 Bietigheim-Bissingen.
Einstimmung ab 18:00 Uhr; Vortrag und Gespräch 19:00 – 19:45 Uhr, anschließend Zeit für Fragen und Gespräche in lockerer Atmosphäre. Kostenbeitrag: € 5,-

Literaturkreise: Zusammen lesen


[23.8.2018] Begeisterte Leserinnen und Leser treffen sich regelmäßig in Bibliotheken, Buchhandlungen oder Wohnzimmern, um über Bücher zu sprechen. Manche dieser Lesekreise bestehen seit Jahren, andere erst seit kurzem. Die Teilnehmenden wissen, dass die Gespräche ihre persönlichen Leseerfahrungen bereichern. Denn jene der anderen Leser*innen fügen den eigenen neue Facetten hinzu, die – frei nach Rainer Maria Rilke – ein Buch um das Zehnfache von dem, was es gedruckt enthält, erweitern, was ich nur bestätigen kann.
Auch ich gehöre seit vielen Jahren einem Literaturkreis an. Der brachte mir Bücher nahe, die ich ohne den Kreis nie gelesen hätte. Andere erschlossen sich mir erst durch das gemeinsame Gespräch und ich las sie zu Ende, obwohl ich sie zuvor zur Seite gelegt hatte. Wieder andere brachte ich in den Kreis ein und freute mich, wenn sich daran tiefsinnige Gespräche anschlossen und mein berührt sein auf Widerhall stieß.

Das Portal zusammen-lesen.de der Holtzbrinck Buchverlage richtet sich an alle, die einem Literaturkreis angehören oder auf der Suche nach einem sind. Sie können Gleichgesinnte finden, erhalten Hinweise zur Gründung eines Lesekreises, können interessante Bücher entdecken oder mit Autor*innen ins Gespräch kommen.

Hamburger Erklärung: Jedes Kind muss lesen lernen!

[23.8.2018] Kirsten Boie, beliebte Kinderbuchautorin und Schirmfrau des Bundesverbands Leseförderung, hat die Petition Jedes Kind muss lesen lernen! an das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gestartet. Am Weltkindertag, dem 20. September, soll die Petition mit den Unterschriften an die Bildungsministerien der Länder, die Bundesbildungsministerin und die Kultusministerkonferenz übergeben werden.
Unterstützen auch Sie die Petition und fordern Sie, gemeinsam mit den anderen Unterzeichnern dazu auf, für folgende Punkte Sorge zu tragen:

  • Das Lesenlernen und Lesen muss sehr viel stärker in den Fokus der Bildungspolitik rücken.
  • An den Grundschulen müssen frühzeitig Fördermaßnahmen in Kleingruppen eingeführt werden, die sich auf die reichlich vorliegenden Erkenntnisse der Leseforschung und die Erfahrungen der Lehrer stützen.
  • Diese Förderstunden dürfen nicht für Vertretungsunterricht zweckentfremdet werden.
  • Es müssen ausreichend Grundschullehrer eingestellt werden, um dieses Ziel umzusetzen. Das heißt: An den Hochschulen müssen deutlich mehr Studienplätze für die Lehrerausbildung geschaffen werden.
  • Es muss Schulbibliotheken, Lesungen und Lektüreprogramme gerade auch an solchen Schulen geben, deren Schülerschaft eher bildungsfern ist. Die Lektüre altersgerechter Bücher vermittelt die Fähigkeit, komplexere Zusammenhänge aus längeren Texten zu entnehmen. So kann man später zum Beispiel Zeitungsartikel lesen und verstehen.
  • Für all diese Zwecke müssen jetzt genügend Mittel in den Haushalten ausgewiesen werden. Das Lesen darf nicht den derzeitigen (kosten)intensiven Bemühungen um die Digitalisierung der Schulen zum Opfer fallen.

Unverbindliche Absichtserklärungen reichen nicht mehr aus. Deutsche Grundschulen müssen es schaffen, alle Kinder das Lesen zu lehren!

Antisemitismus: Wider das Vergessen

[25.7.2018] Vor wenigen Tagen las ich die Nachricht, dass Antisemitismus im digitalen Zeitalter signifikant zugenommen habe. Zu diesem Ergebnis gelangte eine Langzeitstudie der TU Berlin mit dem Titel “Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses“. Der Trend zeige sich beispielsweise an der Zunahme judenfeindlicher Äußerungen in Online-Kommentarbereichen von Qualitätsmedien wie etwa Welt, SZ, Zeit und FAZ. Wie die Infografik von Statista darstellt, stieg ihr Anteil von rund acht Prozent (2007) auf über 30 Prozent im Jahr 2017. Die Kommentare beinhalteten Gewaltphantasien, Verharmlosung der Judenvernichtung während des Dritten Reiches oder entmenschlichende Vergleiche, in welchen Juden als Pest, Krebs oder Unrat tituliert wurden.

Wider das Vergessen, die Verharmlosung oder entmenschlichende Vergleiche empfehle ich das hybride Buch Susi, die Enkelin aus Haus Nummer 4. Es ist ein erzählendes Sachbuch und eine Graphic Novel gleichermaßen, das, anhand der realen Geschichte einer jüdischen Familie in Berlin, vor dem Vergessen und seinen Folgen warnt.

Erfrischend: Im und auf dem Wasser

[19.6.2018] Der Himmel lacht, die Sonne scheint – wohl dem, dem kühles Nass eine kleine Erfrischung bietet, im Schwimmbad, am Meer, am (Bagger-)See oder beim Betrachten eines der Bilderbücher, die rund ums Wasser ganz unterschiedliche, sogar existenzielle, Geschichten erzählen:

Das blaue Herz des Planeten vom unbedingten Willen der Meeresforscherin Sylvia Earle, die zu mehr Ehrfurcht vor dem Wasser auffordert,
der in Fabelhaftes Meer in einen vielfältigen Erzähl- und Bilderreichtum mündet
oder in Der kleine Schweinswal und das Meer Einblick in das Leben der Schweinswale in der Nordsee bietet.
Die Böckchen-Bande im Schwimmbad erzählt eine freche Schwimmbad-Ferien-Geschichte und eine moderne Adaption des norwegischen Märchens der drei Böckchen Brüse obendrein,
wogegen Noah und die große Flut die Entstehung und Ladung eines Super-Frachters, der auf zerstörerischen Wasserwellen schwimmt, in Paarreimen über die Seiten tanzen lässt.

Fußball-WM: Nominierung

[15.5.2018] Das Rätselraten hat ein Ende. Bundestrainer Joachim Löw gab heute die Nominierungen für den WM-Kader 2018 bekannt. Jubel bei den nominierten Spielern, die sich jetzt beweisen dürfen, um am 7. Juni unter jenen 23 zu sein, die tatsächlich in Russland dabei sein werden. Enttäuschung bei denen, deren Hoffnungen nicht erfüllt wurden. Hoffnung, Jubel und Enttäuschung, wie sie bei jedem Fußballspiel auf der Tagesordnung stehen, sei es auf der großen Bühne des Weltfußballs oder dem kleinen Bolzplatz. Weder da noch dort, weder auf dem Fußballplatz noch im Leben, läuft alles wie geplant. 
Wie wir jedoch „allen Herausforderungen zum Trotz weiterspielen, macht uns zu denjenigen, die wir sind“, schreibt Baptiste Paul im Nachwort seines Bilderbuchs Das Spiel, das ich allen Fußballfans sehr empfehle. Denn, eine weitere Botschaft des Buches ist die verbindende Kraft des Fußballs, die Menschen auf der ganzen Welt miteinander in Berührung kommen lässt. Nicht nur alle vier Jahre, sondern in jedem Verein, an jedem Ort oder in jedem Urlaub, wenn über Sprachgrenzen hinweg Kinder und Erwachsene spontan miteinander Fußball spielen.

Maischberger: Kampfzone Klassenzimmer


[10.5.2018] Am frühen Abend des 9. Mai hielt ich eine Fortbildung für Sprachförderdozent*innen in Heilbronn, am späten Abend schaute ich auf meinem heimischen Sofa Maischberger – die Publikumsdebatte: Kampfzone Klassenzimmer im Fernsehen an. Hörte, staunte und fühlte mich an die Gespräche mit den Fortbildungsteilnehmer*innen erinnert. Bei uns stand nicht das komplexe Thema Schule im Mittelpunkt, sondern „nur“ das Vorlesen (siehe Foto). Dennoch wurden am Ende der Fortbildung wesentliche Aspekte benannt, die auch bei der Publikumsdebatte im Fernsehstudio diskutiert wurden:

Inwiefern können Lehrer*innen die Heterogenität ihrer Schüler*innen berücksichtigen?
Wie viel Zeit stehen zum Lehren, Lernen und zur Vertiefung zur Verfügung?
Was wird von Schüler*innen erwartet, was ihnen angeboten?
Welche Umgangsformen werden gepflegt?
Wie kann der Lernort Schule für alle Partner*innen zu einem Ort werden, der Potenziale fördert und kreative Spielräume ermöglicht?

Anknüpfungspunkte gibt es viele. In der Publikumsdebatte waren sich die Teilnehmenden überraschend einig, selbst wenn sie unterschiedliche Schwerpunkte setzten oder andere Worte wählten. Vermutlich werden die auf theoretischer Ebene auch von Verantwortlichen auf Bundes- und Länderebene geteilt. Die praktische Umsetzung dagegen hieße, öffentlich zu bekennen, dass unser Bildungssystem nicht mehr zeitgemäß sei, seine Grenzen erreicht habe und deshalb Reformbedarf bestünde. Der – langfristig – eine Menge Geld kosten würde, weil nicht nur in die Infrastrukturen von Schule investiert werden müsste, sondern vor allem in Menschen.

Die Grundschüler*innen in Heilbronn haben den Vorteil, dass es eine Stiftung gibt, die Sprachförderdozent*innen ausbildet und finanziert, die mit ihnen in Kleingruppen arbeiten und etliche der Probleme zu überwinden helfen, die sich durch familiale und gesellschaftliche Versäumnisse ergeben. Doch was ist mit Schüler*innen in anderen Regionen? Und, ist es nicht eine ernüchternde Bilanz, dass Schule dauerhaft die Unterstützung qualifizierter Honorarkräfte bedarf? Sich quasi Nachhilfe finanzieren lässt?
Ist das kein Reformgrund?

Lesen: Ungenügend

StZ vom 27.4.2018

[28.4.2018] Wie viele Schülerinnen und Schüler müssen noch ihre unzureichende Lesekompetenz unter Beweis stellen, bevor sich etwas ändert?
Bevor überlegt wird, woher die Schülerinnen und Schüler mit den guten Ergebnissen ihre diskursiven und literalen Qualifikationen beziehen?
Könnte es daran liegen, dass ihnen von Kindesbeinen an regelmäßig vorgelesen wurde? Sie Menschen an ihrer Seite hatten, die ihnen die Tür zur Welt des literarischen Lernens öffneten und sie begleiteten, auch dann noch, als sie längst zur Schule gingen? Sie Zeit zum Lesenlernen hatten und von der Gewissheit begleitet wurden, dass ihnen das gelingen würde, unabhängig davon, wie lange es dauern würde, ein, zwei oder weitere Jahre?
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse liegen vor (Verknüpfung von Prozess- und Sozialebene, um Lesen ins Selbskonzept zu integrieren, die zeitliche Dimension des Leseerwerbs), die lustvollen, handlungs- und produktionsorientierten Methoden ebenfalls.
Was fehlt, ist der Mut zur Umsetzung. Denn der setzt die Einsicht voraus, dass der Mangel nicht nur bei den Kindern und Jugendlichen gesucht werden kann, sondern auch im System liegt. Das zu ändern kostet – Zeit und Geld: Mehr Personal (Lehrkräfte, Lese- und Literaturpädagog*innen, weitere Fachkräfte) sowie veränderte Rahmenbedingungen, die lustvolle Zugänge zum Lesen ermöglichen, nicht nur prozessorientierte, analytisch-vergleichende, bei denen die Freude am Tun verloren geht.
Derzeit werden viele Aufgaben ins Ehrenamt delegiert. Wie sähen die Ergebnisse ohne das regelmäßige Engagement der ehrenamtlichen Vorlesepat*innen und Lesementor*innen aus, die ihre Lust und Leidenschaft fürs Lesen weitergeben, und, jahraus, jahrein, Schülerinnen und Schüler begleiten? Vermutlich noch schlechter …
Dennoch kann ehrenamtliches Engagement nicht die Antwort auf ein strukturelles Problem sein, sondern sollte Sahnehäubchen bleiben.