Beim Wort genommen: Mehr Personal an Schulen

[10.4.2018] Ehrenamtliche Lesepat*innen oder Mentor*innen ergänzen Pädagog*innen in Kindertagesstätten, Schulen und weiteren Bildungseinrichtungen, sie übernehmen nicht deren Bildungsaufgaben. Dahingehend äußerte sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel am 10. März auf die Frage, ob künftig vermehrt Eltern oder Ehrenamtliche die Grundkompetenz Lesen vermitteln müssten, und antwortete:

„Ich finde es toll, dass es Ehrenamtler gibt; gerade die Lesepatenschaften sind etwas ganz Großartiges. Das darf uns aber als Staat nicht davon abhalten, für die Grundkompetenzen natürlich selber zu sorgen. Und das ist Ergänzung, das ist wunderschön. Ich danke auch allen, die das machen. Und ich glaube, für viele Kinder, ist das ein Riesenerfahrungshorizont, den sie hinzugewinnen. Aber die Unzulänglichkeiten, um es vorsichtig zu sagen, die es in manchen Schulen gibt, (…) die darf uns nicht ruhen lassen. Sondern da muss auch der Staat dafür sorgen, dass dann im Zweifelsfalle mehr Personal da ist.“

In Zeiten multiprofessioneller Teams in Bildungseinrichtungen können Lese- und Literaturpädagog*innen diesen Personalbedarf decken und Kinder und Jugendliche zum Lesen führen. Sofern Stellen für sie geschaffen werden. Wann werden die Worte der Kanzlerin in die Tat umgesetzt?

Interview Die Kanzlerin direkt #7/2018 (Textversion) und als Podcast:

 

21. März: Welttag der Poesie

[20.3.2018] Wie schön, dass es einen Welttag der Poesie gibt! Von der UNESCO ausgerufen und erstmals im Jahr 2000 begangen, erinnert er an den Stellenwert der Poesie und ihrer vielfältigen mündlichen und schriftlichen Ausdrucksformen.
Die Bedeutung des (Tagebuch-)Schreibens, seine aufbauende Wirkung und die wohltuender Worte, beschreibt  Milena Michiko Flašar in Ich nannte ihn Krawatte (München: btb 2014. S. 130) so:

„Ob ich noch schreibe? Undenkbar, es nicht zu tun. Gerade in der finstersten Nacht waren die Wörter leuchtende Kieselsteine. Das Licht des Mondes und der Sterne, sie hatten es eingefangen und strahlten es wieder aus. Ein Wort war darunter, das besonders hell leuchtete. Das Wort von der Einfachheit. Ich würde mich ihm nähern, leichten Schrittes, es von allen Seiten her betrachten, es schließlich in die Hand nehmen, von ihm verzaubert, erkennen, dass sein Zauber darin liegt, von sich aus, aus seiner schieren Bedeutung heraus, zu leuchten. Einfachheit. Einfach da sein. Es einfach auszuhalten. Je mehr ich es aushielt, desto einfacher wurde es einzusehen, wie schön, einfach schön, es ist, da zu sein.“

Marktplatz: Leipziger Buchmesse

Eiszeit in Leipzig

[15.3.2018] Bücher schaffende, lesende und vermittelnde treffen sich vom 15. – 18. März 2018 in Leipzig, kommen ins Gespräch miteinander, informieren sich, feiern nominierte oder prämierte Bücher, bilden sich weiter, vertreten die Meinungs- und Pressefreiheit oder diskutieren aktuelle Fragestellungen. So auch ich, und zwar bei der Veranstaltung #Leselust -Literaturförderung im (Schul-)Alltag von Jugendlichen am Freitag, den 16. März von 12:00 – 13:00 Uhr in Halle 5, Stand E510.

Vielfalt: Lese- und Literaturpädagogik

Am 2. Februar trafen sich in Heilbronn Absolventinnen der Weiterbildung Lese- und Literaturpädagogik, Interessierte derselben, Lehrerinnen, Bibliothekarinnen und Sprachförderdozentinnen zum Praxisaustausch Lese- und Literaturpädagogik, der eine beeindruckende Vielfalt bot: Eloquente Vorstellung der für den Deutschen Jugendliteraturpreis des Jahres 2017 nominierten und prämierten Bücher (Gesche Hagmann); lese- und literaturpädagogischer Einfallsreichtum in der Sprachförderung mit Ferngläsern, scheuen Wörtern, digitalem “Dalli klick” und einem Kamishibai (Angelika Sauer-Büttner); movable books (Pop up-Bücher), Grusel, Kreativität und Schreibfreude bei den 23. baden-württembergischen Kinder- und Jugendliteraturtagen 2017 (Evelyn Gangl) sowie literaturpädagogische Begleitung von Jugendlichen in Berufsvorbereitungsklassen mit eindeutig bibliotherapeutischer Färbung und berührender Wirkung (Katrin Stoico). Lese- und Literturpädagogik wirkt, befähigt, begeistert – und braucht Zeit, Geld und Räume, an denen sie wirken kann.
Die künftige Bundesregierung will viel Geld in die Bildung investieren. Für Digitalisierung soll mehr Geld zur Verfügung gestellt werden, als zur Verbesserung der Betreuungsangebote an Ganztagsschulen. Dabei sind es Menschen, die Unterricht und Freizeitangebote lustmachend konzipieren, gestalten und mit verschiedenen Medien – natürlich auch digitalen – arbeiten. Werden für sie neue Stellen geschaffen? Wird künftig jede Schule, jede Bildungseinrichtung wenigstens einen Lese- und Literaturpädagogen beschäftigen? Ihre Kompetenz ist beeindruckend. Wo sind die Orte, an denen sie ihr Füllhorn öffnen können?

Ausgepackt: F.K. Waechters Tierpuzzle


33 Teile, die es in sich haben – das Tierpuzzle von F.K. Waechter (1937-2005)!
Bietet der Außenrand von Puzzles üblicherweise eine Orientierung, wie es weitergehen könnte, sieht man bei Waechters Tierpuzzle im wahrsten Sinne des Wortes schwarz. Einzig die hauchfeinen Konturen geben eine Ahnung davon, welches Tier sich in die Wölbungen schmiegt: Der Löwe, das Krokodil, das Murmeltier, die Katze, der Hase, die Taube, das Schwein, der Fuchs, die Kröte, das Nashorn, die Gans, das Wildschwein, die Maus, das Känguru, das Nilpferd und der Seehund ist es. In, um und neben den 16 sind 17 weitere große und kleine Tiere ineinander verkeilt, deren genauer Platz ohne Vorlage schwer auszumachen wäre. Dank dieser heißt es, die Tiere zu benennen, zu finden und aneinander zu legen. Und sich nebenbei die kuriosesten Geschichten auszudenken, wie es den Tieren wohl auf derart engem Raum ergehen würde? Oder sich über die Tiere und ihren Lebensraum Gedanken zu machen, um nach der Fertigstellung des Puzzles sogleich ein Tierlexikon in die Hand zu nehmen und nachzulesen.
F.K. Waechter: Tierpuzzle. Ein Bild aus 33 Tieren. Nach einer Zeichnung von 1972.
Ab 6 Jahren, Spieldauer: ca. 15 Min., Ladenpreis ca. € 19,90. 2018, Frankfurt/Main: MeterMorphosen.

Gemeinsamkeiten: Bücher und Berge

Mount Everest, Foto: Tagesschau

Bücher und Berge haben eine Gemeinsamkeit. Für die einen sind sie unbezwingbar, für die anderen jede Anstrengung wert. Ob Seite um Seite oder Schritt um Schritt, am Anfang steht der Entschluss, ein Buch zu lesen oder einen Berg zu besteigen. Danach folgen unterschiedliche Phasen: Begeisterung, Enttäuschung, Ehrgeiz, der unbedingte Wille zum Durchhalten, fantastische Aus- oder Einsichten, mitunter auch die Erkenntnis, es – diesmal – nicht zu schaffen.
All diese Facetten sind in Der Aufstieg (L’ascension) zu sehen, Ludovic Bernards Film, der von Nadir Dendoues Besteigung des Mount Everest inspiriert wurde. Der franko-allgerische Journalist bestieg 2008 ohne vorheriges Training den höchsten Berg der Welt. Filmheld Samy macht das aus Liebe und liest obendrein ein Buch, das er zunächst für wenig lesenswert hält. Und lernt aus beidem …
Für künftige Kraxler und hoch hinaus Bergsteiger empfehle ich auch das wunderbare Kindersachbuch Berge von Piotr Karski, erschienen 2017 im Moritz Verlag. Ganz und gar außergewöhnlich, mit Aus- und Einsichten, die nur Berge und Bücher zu bieten haben!

Verführt: Der Heilige Krieg und der Tod

Eine Notiz in der Stuttgarter Zeitung vom 24.1.2018 erinnerte mich. Sie handelte von der im Irak zum Tode verurteilen Lamia K., einer dschihadistischen Aktivistin mit deutscher Staatsbürgerschaft. Angeblich soll sie sich über das Internet radikalisiert und entsprechende Beiträge veröffentlicht haben.
Welche Beweggründe mag sie gehabt haben? Welche andere Frauen und Männer?
Darüber dachte ich nach und erinnerte mich an Dounia Bouzars Roman Djihad, mon ami, aus dem Französischen übersetzt von Sarah Pasquay, erschienen 2017 im Knesebeck-Verlag. In ihm schildert sie eine mögliche Radikalisierung und fordert ihre Leser auf, kritisch zu hinterfragen, auf der Hut zu sein, sich nicht an Grausamkeiten oder den Tod zu gewöhnen, sondern „zu sehen, zu hören, zu sprechen, zu enttarnen und die Hand zu reichen.“ (S. 156)