Nach-Denken: Frankfurter Buchmesse 2019

       
Mittwoch:
Die Buchmesse öffnet ihre Pforten. Nicht für mich. Ich nehme in Heilbronn am Evaluationsgespräch des Pilotprojekts Lehrgang Leseförderung 2018/19 teil. Die Resonanz der beteiligten Schulen ist positiv, die Nachfrage nach unterstützenden Lesementor*innen bzw. Leseförderdozent*innen – so werden sie in Heilbronn und Umgebung genannt – groß. Einzig Personen, die sich qualifizieren lassen wollen, gibt es viel zu wenig.

Donnerstag: Ich tauche in das Messegetümmel ein. Bücher in Hülle und Fülle, Ruhe im Präsentationsbereichs des Gastlandes Norwegen, Begegnungen mit Kolleg*innen, Autor*innen und Übersetzer*innen. Und immer wieder Gespräche über angemessene, lesefördernde Initiativen, Methoden und Konzepte.

Freitagnachmittag: Das Gütesiegel Buchkindergarten wird erstmals verliehen. Mehr als 800 Bewerbungen lagen vor, 208 Einrichtungen wurden ausgezeichnet. Hinter einigen der ausgezeichneten Einrichtungen stehen Lese- und Literaturpädagoginnen, die ihr Wissen weitergeben. Die beraten, empfehlen und die Notwendigkeit frühkindlicher Leseförderung multiperspektivisch verdeutlichen: Für das Kind und seine Entwicklung, für die Gesellschaft und ihre Entwicklung. Weil Lesen mehr als Mittel zum Zweck der Optimierung schulischer oder beruflicher Laufbahnen ist, sondern eine Frage des Lebensstils. Des eigenen, sich zu entwickelnden, ebenso wie dem, des zu erhaltenden, freiheitlichen Denkens in demokratischen Gesellschaften.
Das Gütesiegel Buchkindergarten unterstreicht das, auch öffentlichkeitswirksam gegenüber Vertreter*innen von Kommunen und Wohlfahrtsverbänden. Gewürdigt wird die herausragende Arbeit mit Siegel, Sekt und Selters; Salär für die weitere Arbeit gibt es keines.

Lese- und Literaturpädagogin Christiane Wörsching (re.) aus Lindau am Bodensee freut sich mit der „Villa Engel“ über das Gütesiegel Buchkindergarten

Freitagabend: Der Deutsche Jugendliteraturpreis wird verliehen. AKJ-Vorsitzender Ralf Schweikart findet deutliche Worte, Bundesministerin Dr. Franziska Giffey teilt sie nur bedingt. Qualifizierte Leseförderung darf nicht auf die Schultern ehrenamtlich Tätiger abgewälzt werden. Sie unterstützen, sie helfen, sie fördern, sie sind Lese- und Lebensvorbilder. Darüber freuen wir uns.
Leider werden sie zunehmend zum Sparmodell für die öffentliche Hand. Ihre ehrenamtlich geleisteten Stunden müssen keinen Lehrer*innen, Lese- und Literaturpädagog*innen oder anderen qualifizierten Fachkräften bezahlt werden. Beifall unter den Gästen, aber nicht der Ministerin. Stattdessen weicht sie später von ihrem Redemanuskript ab und widerspricht. Schade.

Samstag: Die Mitgliederversammlung des Bundesverbands Leseförderung (BVL) findet statt. Die teilnehmenden Mitglieder erfahren, dass der BVL Akteure aus Bildung, Kultur, Politik und Wirtschaft zu einem Lesepakt aufruft. Einem Bündnis für Leseförderung, wie es der deutsche PEN anlässlich des Jahrestages der Hamburger Erklärung „Jedes Kind muss lesen lernen“ fordert, initiiert von der Schriftstellerin und BVL-Schirmfrau Kirsten Boie.
Sorgen wir dafür, dass der Pakt so stark wird, dass sich die Bundesregierung, die Kultusministerkonferenz und alle Akteur*innen in Bund und Ländern den Forderungen nicht mehr widersetzen können. Und Leseförderung nicht nur mit wohlfeilen Worten, sondern mit ausreichenden finanziellen Mitteln bedacht wird.

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