Materialheft: Leseleidenschaft wecken

[12.01.2021] Das Materialheft Nr. 61 der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM) ist da!
Es widmet sich dem Thema Leseleidenschaft wecken. Leseförderung in und außerhalb der Schule.
 Ich freue mich, darin mit einem Beitrag über die Geschichtenwerkstatt (Seite 33 – 37), dem inklusiven Leseförderungsprojekt der kulturellen Bildung an einem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum, vertreten zu sein. Außerdem mit einem Artikel über die Weiterbildung Lese- und Literaturpädagogik (Seite 95 – 98), den ich gemeinsam mit meiner Kollegin im Qualitätsbeirat des Bundesverbands Leseförderung, Ulrike Erb-May, verfasst habe. Weitere Beiträge stammen von unseren Kolleginnen Heike Kielsmeier und Bianca Röber-Suchetzki, die ebenfalls Mitglied im Qualitätsbeirat sind. 

Literatur im Café: Himmelsstern

[04.12.2020] Die Corona-Pandemie hat uns immer noch im Griff.
Cafés und Kultureinrichtungen sind nach wie vor geschlossen, Kontaktbeschränkungen verhindern Treffen und der für gestern geplante Literaturabend entfiel. Das ist aber kein Grund, auf die Empfehlungen der Bücher zu verzichten. Sie stehen unter dem Motto „Himmelsstern – Erinnerungen und die Vorfreude auf Weihnachten“.
Bis auf eines erzählen alle von kalten Wintern und der Weihnachtszeit, von Vorfreude und bangem Hoffen. Lassen Sie sich überraschen und lesen Sie hier, wovon ich Ihnen gerne in Sofis-Blumencafé erzählt hätte. Und: Im Vertrauen darauf, dass wieder andere Zeiten kommen, wird derzeit die Terminplanung für 2021 gemacht.
2020 geht, 2021 kommt und mit ihm Literatur im Café!

Kinderbücher: Infusionen des Glücks

[15.11.2020] Immer wieder werde ich gefragt, ob es mich auf Dauer nicht langweile, Kinderbücher zu lesen? Das Gegenteil ist der Fall! Viele von ihnen empfinde ich als Glücksinfusion, deren „Wirkung“ lange anhält. Ziemlich oft ist das bei kürzeren Büchern der Fall. Es scheint, als hätte ihre Verdichtung eine ähnliche Wirkung wie Lyrik: Mit genügend Präzision, um die Lesenden abzuholen, und gleichzeitig genügend Freiraum, um Platz für eigene Gedanken zu haben. Für meine Gedanken zu haben.

Folgende Bücher gehören für mich dazu:

Die Dunne-Bücher von Rose Lagercrantz, illustriert von Eva Eriksson, aus dem Schwedischen übersetzt von Angelika Kutsch, erschienen im Moritz-Verlag. Sie enthalten alles, was einem Kinderleben zugemutet wird: Freude und Leid, Glück und Unglück. Dass Dunnes Blick aufs Leben dabei ein positiver bleibt, liegt auch daran, dass sie liebevolle Erwachsene um sich hat. Zumindest meistens. Von manchen muss sie sich trennen, aber dafür treten andere in ihr Leben. Diese Sicherheit lassen die Dunne-Figur zu einem Vorbild an Lebenslust und Freude werden. Oder, um es mit Worten Erich Kästners zu sagen:

„Das Leben ist nicht nur rosafarben und nicht nur schwarz, sondern bunt. Es gibt gute Menschen und böse Menschen und die guten sind mitunter böse und die bösen manchmal gut. Wir können lachen und weinen, und zuweilen weinen wir, als könnten wir nie wieder lachen, oder wir lachen so herzlich, als hätten wir nie vorher geweint. Wir haben Glück und haben Unglück, und Glück im Unglück gibt es auch.“ (In: Als ich ein kleiner Junge war. 2018 (NA), Zürich: Atrium. Seite 162)

Das gilt auch für die Dunne-Bücher! Die heißen:
Mein glückliches Leben (Bd.1), Mein Herz hüpft und lacht (Bd.2), Alles soll wie immer sein (Bd. 3), Du, mein Ein und Alles (Bd. 4), Wann sehen wir uns wieder (Bd. 5), Glücklich ist, wer Dunne kriegt (Bd. 6), So glücklich wie noch nie? (Bd.7).

Liebe Schwester – Briefe an meine kleine Nervensäge
Von Alison McGhee/Joe Bluhm
aus dem Englischen übersetzt von Kathrin Köller.
2020, München: Knesebeck
Was vermeintlich als flapsige Ergüsse eines älteren Bruders über seine kleine Schwester daher kommt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung und der Lektüre zwischen den Zeilen als ein Hineinfinden in die (neue) Rolle des „großen Bruders“. Seine Gedanken vertraut er vielen, vielen Zetteln und einem Tagebuch an, das sich die Lesenden als Graphic Novel zu Gemüte führen können. Sein Wechselbad der Gefühle, die er für seine kleine Schwester empfindet, erinnern an jene von Alf in Freibad – Ein ganzer Sommer unter dem Himmel, das für mich übrigens auch dazu gehört.

Rosalie – Als mein Vater im Krieg war
Von Timothée de Fombelle/Isabelle Arsenault
aus dem Französischen übersetzt von Tobias Scheffel und Sabine Grebing.
2020, Hildesheim: Gerstenberg
Die Geschichte eines kleinen Mädchens auf der Suche nach Wahrhaftigkeit. Das sich nicht mit den heiteren Worten der Mutter zufrieden gibt, sondern wissen will, wie es seinem Vater tatsächlich geht. Ob er lebt? Das lesen lernt, um endlich die Briefe selbst lesen zu können, vor allem den einen …

Und viele, viele andere Kinderbücher auch, von denen ich das eine oder andere auch hier empfohlen habe …

Wandel: DJLP-Verleihung im Live-Stream

[16.10.2020] Die Spannung steigt. Auch bei mir zuhause. Statt mir wie in den Vorjahren zu überlegen, ob ich mich bereits auf den Weg ins Congress Centrum mache oder noch Zeit für einen Besuch an einem Verlagsstand habe, sitze ich zuhause vor meinem Notebook. Das ist anders und ungewohnt.

Gleich ist dagegen die wachsende Spannung, mit der ich der Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises entgegen fiebere. Welche der nominierten Bücher überzeugten in diesem Jahr die Jury am meisten? Bald sehe und höre ich, welche Namen und Titel aus den Kuverts gezogen und verlesen werden.

Vermissen werde ich dagegen den Austausch mit den Kolleg*innen über die prämierten Titel. Die Irritationen oder Zustimmungen, welche die prämierten Titel mitunter auslösen und die Gespräche darüber. Das Hallo in den Reihen oder dem Empfang, das Eintauchen in die Familie der Leser*innen, gleichgesinnten Buchliebhaber*innen und ihrer Begeisterung, die von den Hallen der Frankfurter Buchmesse ins Land getragen wird. Ob das per Live-Stream möglich ist? Ich bin gespannt …

90 Minuten später: Es funktioniert!

                 
  • Der Funke springt über und wir denken mit Dreieck Quadrat Kreis von Marc Barnett und Jon Klassen um die Ecke.
  • Die Leichtigkeit des Seins erleben wir im Freibad von Will Gmehling.
  • Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte erzählen Dita Zipfel und Rán Flygenring in Wort und Bild.
  • Außergewöhnlich reisen mit A wie Antarktis. Ansichten vom anderen Ende der Welt von David Böhm.
  • Wer ist Edward Moon? Mein Bruder, für immer. Von Sarah Crossan.

Rieke Patwardhan, die Autorin von Forschungsgruppe Erbsensuppe oder wie wir Omas großem Geheimnis auf die Spur kamen, ist das neue Talent unter den deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchautor*innen.

Cornelia Funke wird für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet. Sie schreibt und zeichnet für Kinder, Jugendliche und alle, die gute Geschichten mögen.

Herzlichen Glückwunsch allen Autor*innen, Illustrator*innen und Übersetzer*innen!

Ausgezeichnet: Gütesiegel Buchkindergarten

[16.09.2020] Der städtische Kindergarten Hofen in Bönnigheim erhält das Gütesiegel Buchkindergarten. Herzlichen Glückwunsch! Ich freue mich mit dem Team um Silke Plieninger, das sich auch von mir weiterbilden ließ.

Das Siegel würdigt ihre kontinuierliche Leistung in den Bereichen Early Literacy-Bildung und frühe Leseförderung. Dazu gehört die hervorragend ausgestattete Kindergarten-Bibliothek mit vielen aktuellen Büchern, auch zu gesellschaftlich relevanten Themen wie Diversität. Zum Wissenstransfer in die Familien tragen flankierende Eltern-Cafés bei, die regelmäßig angeboten werden.

Das Gütesiegel Buchkindergarten wurde erstmals 2019 von der IG Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und dem Deutschen Bibliotheksverband vergeben. 2020 wurden bundesweit 74 Einrichtungen ausgezeichnet, elf davon aus Baden-Württemberg.

Bildung: Neues Schuljahr

[12.09.2020] An diesem Wochenende enden auch in Baden-Württemberg die Sommerferien. Nicht erst seit heute drehen sich meine Gedanken um das neue Schuljahr und das, was es mit sich bringen mag. Für mich bedeutet es die Wiederaufnahme der Geschichtenwerkstatt, einem literaturpädagogischen Projekt für Schüler*innen mit besonderem Förderbedarf. Für Lehrer*innen und alle weiteren pädagogischen Fachkräften bedeutet es, kognitives und emotionales Wissen weiterzugeben und für eine Atmosphäre zu sorgen, in der beides zu vermitteln ist. Und für Schüler*innen heißt es, offen dafür zu sein und lernen zu wollen. Flankierend zu diesen Rahmenbedingungen bleibt das Coronavirus eine zusätzliche Herausforderung, die es zu bewältigen gilt. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass es nicht zum Hinderungsgrund für Leseförderung und nachhaltiges Lernen wird.

Poesie: Im Fokus des Lebens

[30.08.2020] Spätsommer in Bietigheim. Am Rande der Altstadt treffe ich mich mit der 17-jährigen Schülerin Laura Meroth. Nächstes Jahr schreibt sie ihr Abitur, ihr Lieblingsfach ist, das hatte ich nicht anders erwartet, Deutsch. Weil sie im Sommer am liebsten draußen ist, treffen wir uns auf einer Bank in der Nähe des Japangartens. Auf dem Weg zur Bücherei oder dem Geigenunterricht kommt sie daran vorbei. Wenn sie sich für eine der beiden Passionen entscheiden müsste, würde sie das Lesen wählen. Ein Leben ohne Lesen kann sie sich nicht vorstellen. Und, seit einigen Jahren, ohne das Schreiben auch nicht mehr. Laura Meroth schreibt Lyrik, Kurzgeschichten und Parodien und – wer weiß? – eines Tages einen Roman.

Im Januar 2019 erhielt sie, gemeinsam mit fünf weiteren Dichter*innen, den Monatspreis für junge Lyrik – lyrix. Der Bundeswettbewerb zur Förderung junger Lyrik zeichnet in Kooperation mit dem Deutschlandfunk seit 2008 jeden Monat junge Dichter*innen aus.

Im Wettbewerb mit den anderen Monatsieger*innen glänzte ihr Gedicht Valentinstag 2056 und wurde von der Jury in die Liste der zwölf besten Gedichte des Jahres 2019 gewählt. Grund genug, mich mit Laura Meroth zu treffen, um mit ihr über das Gedicht, das Schreiben und das Leben an sich zu sprechen.

Zum Gespräch

Schule: Sprachförderung ist wichtig

[18.08.2020] Die Arbeitsgemeinschaften Sprachförderung nach dem Denkendorfer Modell praktizieren seit Jahren qualitätsvolle Sprachförderung an Schulen in Baden-Württemberg. Sie entlasten Lehrer*innen und fördern Schüler*innen. Derzeit ist es um die Zukunft der Rahmenrichtlinien, innerhalb derer die Kleingruppen stattfinden und finanziert werden, ungewiss. Deshalb unterstütze ich die Initiative für die Fortführung und Verbesserung der Zuschussrichtlinie zur Sprachförderung an Schulen, welche von den Arbeitsgemeinschaften Sprachförderung nach dem Denkendorfer Modell initiiert wurde.

Mehrsprachigkeit stärken – mündlich und schriftlich
Es geht nicht darum, dass Kinder Deutsch sprechen müssen. Sondern dass sie es können. Denn ohne diese Sprachkompetenz blieben ihnen viele Teilhabemöglichkeiten in Schule und Gesellschaft verwehrt. Das belegen auch die Untersuchungsergebnisse des Projekts „Mehrsprachigkeit im Zeitverlauf“ (MEZ) der Universität Hamburg. Sie widerlegen die Befürchtung, dass der Ausbau von Fähigkeiten in der Herkunftssprache den Erwerb des Deutschen beeinträchtige. Ganz im Gegenteil, „deutsch-türkisch- und deutsch-russischsprachige Jugendliche, die das Schreiben in ihrer Herkunftssprache gut beherrschen, erzielten sowohl im Deutschen als auch im Englischen durchweg bessere Leistungen als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler mit schlechteren Schreibfähigkeiten in der Herkunftssprache“, wie der Pressemeldung der Universität Hamburg Wie können sprachliche Bildung und Mehrsprachigkeit vereinbart werden? zu entnehmen ist.

Literaturkreis: Gedanken- und Lebenskreise

[02.08.2020] Vor zwei Tagen stellte eine Freundin im Literaturkreis die Frage, weshalb es bei Gesprächen so schwer falle, einmal eingenommene Positionen wieder aufzugeben. Am Abend ging diese Frage unter – es war schon nach 23 Uhr -, mich ließ sie dennoch nicht los. Und so waberte sie beim Joggen am Morgen immer noch durch meine Gedanken. Liegt es daran, dass wir in Gesprächen lieber Recht haben wollen, anstatt unser Gegenüber verstehen zu wollen?

Recht habe auch ich gerne, will überzeugen, und – ja – verstehen schon auch, aber … liegt darin der Knackpunkt? Dass es mir beim Recht haben um mich und meine Meinung geht, weniger um mein Gegenüber? Ich meine Position zwar sorgfältig darlege, allerdings ohne wirklich zuzuhören und offen für andere Ansichten zu sein? Könnten, sofern ich das wäre, solche Gespräche anders verlaufen? Weil es nicht darum ginge, wer wen überzeugen konnte, sondern Verständnis füreinander gewachsen wäre? Und Haltungen zwar nicht unbedingt geteilt, aber – zumindest teilweise – verstanden würden? Könnten dann – groß gedacht – Kompromisse und Lösungen gefunden werden?

Meine Gedanken kreisen weiter. Angeregt wurden sie übrigens durch das Literaturkreis-Gespräch über Machandel von Regina Scheer.